Zwischen „Lernen 2.0“ und „digitaler Demenz“

Chancen und Risiken digitaler Medien in der Bildung differenziert betrachten

Mit großem Interesse habe ich mir das Buch „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer besorgt und gelesen. Da dies nicht mein erstes Buch von ihm ist, ich ihn auch schon zwei mal Live erlebt habe und einen weiteren Vortrag virtuell erlebte, habe ich über die Spitzerschen Gedanken mittlerweile einen guten Überblick. Seine Warnungen finde ich in weiten Teilen sehr überzeugend. Wer mit digitalen Werkzeugen einseitig den großen rettenden Schritt in unsere Zukunft erwartet, dem sei eine Lektüre Spitzers von meiner Seite sehr empfohlen.
Spitzer warnt seit Jahren vehement vor den schädlichen Einflüssen, die digitale Medien vor allem für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene haben. Kurz zusamengefasst (S. 325): „Sie machen, wie vielfach hier gezeigt wurde, tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Er macht auch für mich überzeugend geltend, dass die immer mal wieder zitierten Studien, die das Gegenteil aussagen oft methodisch schlecht durchgeführt oder abenteuerlich gefolgert wurden. Stattdessen zeigt er mit einer überwältigenden Fülle von Studien, dass digitale Medien oft verheerende Folgen für junge Menschen haben.

Mir selbst, der ich selbst sehr technikaffin und ein häufiger Nutzer digitaler Medien bin, gibt diese Diagnose, die mir bereits aus den anderen Quellen bei Spitzer und auch anderen bekannt ist, zu denken. Immer wieder frage ich mich, ob meine Bemühungen, Computer in der Schule zu nutzen, richtig sind. Mit viel Einsatz habe ich nicht nur ein nahezu flächendeckendes WLAN in unserer Schule eingeführt und die Anschaffung zweier Notebookwagen, sowie eines besser handhabbaren Netzverwaltungssystems unterstützt, sondern auch als Klassenlehrer die Pionierarbeit an unserer Schule geleistet, meine eigene Klasse mit persönlichen Notebooks auszustatten. Gerades letzteres ist etwas, für das ich persönliche Verantwortung übernehmen muss, weil ohne mein Zutun sicher keine Austattung mit den Geräten stattgefunden hätte – auch wenn privat wahrscheinlich trotzdem zumindest die Mehrheit der SchülerInnen rund um das siebte Schuljahr (in dem die Anschaffung durchgeführt wurde) einen Computer bekommen hätte.

Um diese Dinge zu beurteilen, muss man zwei Dinge tun: Erstens sich mit Spitzer kritisch auseinandersetzen und zweitens die Ergebnisse der Arbeit mit den Computern in der Schule auswerten. Zuerst zur Kritik an Spitzers Ausführungen: Ohne die verschiedenen Texte jetzt im Detail zu vergleichen habe ich den Eindruck, dass Spitzer im neuen Buch etwas differenzierter auf die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen eingeht. In früheren Büchern habe ich deutlicher als jetzt eine – wie ich finde unangemessene – Übertragung der (wohl korrekten) Ergebnisse bei kleinen Kindern (Kindergarten und auch Grundschule) auf Jugendliche und Erwachsene gesehen. Er macht diesen Fehler aus meiner Sicht auch im neuen Buch, aber nicht mehr so deutlich. Zuweilen differenziert er deutlich, dass die schädlichen Wirkungen stärker eintreten, je jünger die Kinder sind, die man den digitalen Medien aussetzt. Er argumentiert berufsbedingt neurobiologisch und berücksichtigt meiner Meinung nach zu wenig, dass sich mit Einsetzen der Pubertät die Gehirnentwicklung und parallel dazu auch das Denken der Jugendlichen verändert. Während ein Entwicklungsschwerpunkt in dieser Lebensphase im präfrontalen Cortex liegt, macht das planende und auch kritische Denken wahre Entwicklungssprünge. Er warnt zurecht davor, dass digitale Medien in allen Entwicklungsstufen große Gefahren bergen, doch mit zunehmendem Alter der Lernenden muss man aus meiner Sicht immer stärker die Chancen gegenüber stellen, weil ich erst in diesem Alter wirklich sinnvolle Anwendungen der digitalen Medien sehe. Vor der Pubertät schätze ich diese für vernachlässigbar ein, weshalb ich für den Vor- und Grundschulbereich und weitgehend auch für die vorpubertäre Zeit in der Sekundarstufe (etwa 5./6. Klasse) den intensiven Einsatz digitaler Medien genauso ablehne wie Spitzer.

Den zweiten Bereich, der für die Beurteilung des Einsatzes von Computern in der Schule wichtig ist, führt Spitzer praktisch nicht durch. Er wischt alle Chancen der digitalen Medien hinweg, was ich für den größten Fehler seiner Arbeit halte. Ich bin der Meinung, dass ein kritisch gebildeter Mensch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse mit seiner (wohlgemerkt kritisch reflektierten) Erfahrung überprüfen sollte. Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse den eigenen Erfahrungen widersprechen, ist nicht immer die eigene Erfahrung zu subjektiv, sondern oft die Wissenschaft fehlgeleitet, wenn nicht gar interessengesteuert (was ich weniger Spitzer, als vielfach mit ihm zusammen seinen wissenschaftlichen Kontrahenden vorwerfe). Meiner Erfahrung entspricht es, dass digitale Medien, richtig eingesetzt durchaus einen wichtigen Beitrag zur Bildung Jugendlicher leisten können. Spitzer hat recht wenn er beklagt, dass Jugendliche (besonders Jungen) die Geräte viel zu oft zum Ballern missbrauchen und ihre Entwicklung dadurch massiv schädigen. Ein wichtiger Aspekt dieser Debatte ist also die Kontrolle der schädlichen Nutzungen, vor allem in Form von Ballerspielen, aber auch durch täglich stundenlangen Umgang in Facebook und Co. Ich halte diese Kontrolle für möglich, auch wenn es im Einzelfall oft sehr mühsam für die Eltern ist. Wer diese Kontrolle nicht leisten kann, sollte tatsächlich überlegen, ob eine Verhinderung der Nutzung digitaler Medien besser ist (was aber heutzutage auch oft unrealistisch ist). In solchen Fällen ist die gesellschaftliche Realität der allzeit präsenten Computer wahrscheinlich wirklich eher ein Fluch als ein Segen.

Wenn aber ein kontrollierter Umgang mit dem Computer in der Familie gewährleistet wird, bieten digitale Medien große Chancen. Spitzers mannigfach zitierten Studien liefern nach meinem Eindruck auch keine Gegenbeweise. Er bezieht sich immer wieder darauf, dass Computer in der Mehrzahl missbraucht werden – und er hat vermutlich auch recht damit. Die Hauptgründe liegen wohl einerseits in der Hilflosigkeit und dem Zeitmangel der meisten Eltern und andererseits in der noch immer erschreckend niedrigen Kompetenz der LehrerInnen, den SchülerInnen sinnvolle Nutzungen der Geräte nahe zu legen.

Meine Erfahrungen haben – neben negativen die auch bei meinen Schülern in zu häufigem Missbrauch der Geräte liegen – oft positive Effekte gezeigt. So ist die Klasse noch nie so ruhig (und, ja: konzentriert!) bei der Arbeit gewesen, wie in vielen der Computerstunden. Überhaupt kann ich die Einschätzung von Spitzer nicht folgen, dass Filme und andere Medien nur oberflächlich konsumiert werden, während „ordentlicher“ Unterricht tiefe Auseinandersetzung bedeutet. Vielleicht hat ihn hier ein idealisiertes Bild besonders von Gymnasien geritten (ich arbeite an einer Gesamtschule). Außerdem sehe ich in recht kurzer Zeit bereits große Lerneffekte in der korrekten Benutzung der Standardsoftware. Spitzer tut dies ab, als wenn gerade dieses bei jungen Leuten quasi von selbst passiert. Ich sehe eher, dass lediglich ein Teil eine gewisse Kompetenz erlangt, aber andere auch nach Jahren schulischer Nutzung der Officesoftware sehr rudimentär damit umgehen. Ich habe deutlich den Eindruck, bei überzeugender Einführung hier bessere Ergebnisse zu erzielen, die auch eine Grundlage für zukünftige bessere Unterrichtsergebnisse sein werden. Bisher kann ich die einfache Logik bestätigen, dass ein überzeugendes Einführen zu guten Ergebnissen führt. In Zukunft hoffe ich, auch in Bildbearbeitung und auch im Bereich der Programmierung weiter einzudringen, als dies in anderen Klassen der Fall sein kann, weil die Lernprogression im IT-Bereich dort oft so gering ist. Die erhofften Inhalte ermöglichen – und ich hoffe, dass dies auch Realität wird – eine qualitativ weiter gehende Beherrschung des Computers. Ziel ist es mit meinen Worten, den Computer zu beherrschen und nicht zu bedienen.

Mein Fazit:

Wir „Lernen 2.0-Propheten“ (zu denen ich mich trotz allem noch eher zähle) sollten Spitzer und seine Warnungen ernst nehmen. Für mich heißt das konkret, dass Computer in vorschulischen Institutionen (Kindergärten) gar nichts zu suchen haben und auch in Grundschulen sehr zurückhaltend eingesetzt werden sollten. Im Laufe der Sekundarstufe beginnt beim Einsatz der Nutzen die Risiken zu übersteigen. Ob der „break-even-point“ in der fünften, siebten oder neunten Klasse liegt, vermag ich nicht zu beurteilen und hängt auch eng mit der Kompetenz von Eltern und LehrerInnen zusammen.

Spitzer und mit ihm die „Warner“ sollten sich einer kritischen Debatte öffnen, wann und auch wie die Computer nutzbringend eingesetzt werden sollten. Es wäre wichtig, dass viele der Kritiker mehr von der Materie der digitalen Medien verstehen (ein Kritikpunkt, der Spitzer selbst nicht sehr trifft) und sich mit dem sinnvollen Umgang mit Computern und all ihren Einsatzmöglichkeiten mehr üben sollten. Eine solch pauschale Warnung, wie Spitzer sie äußert ist vielleicht in der jetzigen Situation notwendig, aber auf Dauer nicht ausreichend.

Die gesamte Gesellschaft sollte die verheerenden Ergebnisse einer unkritischen Massenausstattung und unbeaufsichtigen Einführung – vor allem männlicher – Jugendlicher mit und an Computern ernster nehmen. So wie es derzeit läuft, sehe ich ebenso wie Spitzer deutlich mehr negative als positive Wirkungen von Computern auf Jugendliche. Verdummungs- und Verrohungsspiele müssen dringend besser kontrolliert und bekämpft werden und soziale Netzwerke gesellschaftlich und von mir aus auch staatlich kontrolliert werden. Am wichtigsten ist eine gesellschaftliche Debatte, ähnlich wie beim Rauchen in den Siebzigern und Achtzigern, die heute auch immer mehr Wirkung zeigt. In einer freien Gesellschaft bleibt uns nur der Weg einer mündigen Bevölkerung. Die Probleme entstehen meist in der Freizeit, so dass hier bei der Bekämpfung der negativen Folgen die Erziehungskompetenz der Eltern sehr gefragt ist. Die Gefahr einer zu oberflächlichen Betrachtung der Problematik liegt darin, dass andere Güter wie beispielsweise die Freiheit im Netz untergehen. Und das kann kaum unser Ziel sein.

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Marx hätte bestimmt die Kindergartengebühren abgeschafft

Antwort auf Christian Füllers Artikel (taz vom 25. 10. 2012, S. 13)

Christian Füller gibt gerne das enfant terrible der linken Bildungspolitik und räumt gerne mit bequemen Unwahrheiten auf. Dabei schüttet er manchmal auch das Kind mit dem Bade aus – so geschehen auch in diesem Artikel. Er fordert seit längerer Zeit Studiengebühren allen Ernstes als „emanzipatorischeres Projekt“. Vor allem, argumentiert er, seien ein studiengebührenfreies Studium eine Subvention für die Oberschicht, bezahlt vom Volk. Gleichzeitig führt er Studien an, die belegen sollen, dass Studiengebühren keinen negativen Effekt auf die Studierneigung haben sollen. Das Problem: den Vorteil von Studiengebühren kann auch er nicht nennen. Man kann gut nachvollziehen, dass es andere Prioritäten geben kann und dass Reiche stärker besteuert werden müssen, aber warum man ausgerechnet für ein Studium Gebühren verlangen soll, ist schwer nachvollziehbar, es sei denn, dass man gezielt die psychologische Wirkung solch einer Campusmaut nutzen will. Das scheint Christian Füller aber auch wohl kaum zu wollen, denn diese Wirkung würde eben genau bei den finanziell weniger bemittelten am stärksten eintreten.

Ich selbst bin vor 15 Jahren als „AStA-Fritze im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium“ eingetreten. Und zwar mit gutem Grund: Selbst ein Arbeiterkind habe ich – typisch für Bildungsaufsteiger – zunächst Hemmungen gehabt, nach meinem Abitur direkt ein Hochschulstudium aufzunehmen und erstmal „was richtiges“, also einen Lehrberuf gelernt. Glücklicherweise habe ich mich dann doch noch zu einem Unistudium entschlossen. Ich bin mir sicher, dass es in meiner Situation normal ist, dass Gebühren für etwas was man biografisch noch nicht kennt, erst recht abgeschreckend wirken. Ich weiß als Sozialwissenschaftler, wie schwer ein negativer Effekt auf die Studierneigung nachzuweisen ist und ich weiß auch, wie sehr die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen von den Interessen abhängen, die man verfolgt. Mit anderen Worten: Ich glaube den angeblichen Untersuchungen schlicht nicht, weil sie meinen Erfahrungen widersprechen. Und bestimmt gibt es genauso viele Untersuchungen, die das Gegenteil belegen. Studiengebühren schrecken nach meiner Erfahrung eben doch gerade „sozial schwache“ von Studium ab.

Auch wenn ich vor 15 Jahren Studiengebühren für so ziemlich das schlimmste gehalten habe, was passieren kann, habe ich mich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Mittlerweile sind meine Kinder auch schon durch das Kindergartenalter durch, so dass ich mich einigermaßen neutral zu der Frage der Gebühren äußern kann. Und hier kann ich (hoffentlich) weitgehend mit Christian Füller übereinstimmen: Die Abschaffung von Kindergartengebühren halte ich mittlerweile für dringlicher als die von Studiengebühren. Daran ändert auch nichs, dass diese – im Gegensatz zu den Studiengebühren – einkommensabhängig erhoben werden. Je früher es Bildungsbarrieren gibt, desto schlimmer. Auch hier stimme ich Christian Füller zu: Die Hauptbarrieren zu einem diskriminierungsfreien Bildungssystem liegen nicht nach, sondern weit vor dem Abitur. Der Kampf um ein inklusives Schulsystem für alle ist mit der Ausbreitung der Gesamt- und Sekundarschulen als zweite Säule neben dem Gymnasium noch lange nicht beendet. Das Gymnasium, so wie es in Deutschland konstituiert ist, ist das eigentliche Problem des deutschen Schulsystems. Wenn immer nur Real- und Hauptschulen geschlossen werden um Gesamtschulen und Sekundarschulen zu eröffnen, kann das nicht funktionieren. Und solange es im vorschulischen Bereich finanzielle Bildungsbarrieren gibt, ist die Frage nach Studiengebühren eher eine zweitrangige.

Bleibt noch das Problem der Umverteilung von unten nach oben, welche durch gebührenfreies Studium umgesetzt sein soll. Es ist schon ein Skandal, dass die Ober- und gutsituierte Mittelschicht kostenlos mit Hilfe eines Studium eine perfekte Ausgangsposition beim Rennen um die gesellschaftlichen Fleischtöpfe gewinnt und anschließend einen Reichtum etablieren kann, der oft genug ins Obszöne geht. Ich halte es aber für unsinnig, Sozialpolitik (und um die geht es hier meiner Meinung nach) an tausend Ecken und Enden durchzuführen: Einkommensgestaffelte Gebühren für Kindergärten und in viel anderen Bereichen, Gebührenbefreiung für Geringverdiener hier und dort, Sozialermäßigungen undsoweiter. All das zusammen macht die aktuell vorhandene Umverteilung zu einem undurchschaubaren Geflecht, bei dem meist genau die am schlechtesten dastehen, die gerade nicht mehr als zu unterstützende Familien erscheinen: vor allem mittlere und untere Mittelschichtfamilien mit mehr als einem Kind.

Umverteilung muss deutlich übersichtlicher werden: Dazu gehört es, zahlreiche Symbole linker Politik abzuschaffen und an den Kern der Umverteilung zu gehen. Nicht die Kindergartengebühren einkommensgestaffelt machen, sondern sie mit hoher Priorität abschaffen. Nicht Hartz-IV-lern an zahlreichen Situationen Vergünstigungen geben, sondern den Satz auf das Notwendige anheben (dieser Satz gilt nicht für gezielte Förderung der Kinder solcher Familien). Wir sollten also zahlreiche „kleine Umverteilungen von oben nach unten“ abschaffen, zum Ausgleich aber beherzt an die eigentliche Umverteilungsschraube gehen: die progressive Einkommensbesteuerung. Dieses Instrument ist – besonders wenn die Umverteilungsdiskussion auf sie fokussiert wird – die perfekte Stellschraube der Umverteilung. Dabei müssen zwei Dogmen fallen: Erstens muss der Einkommensbegriff viel weiter gefasst werden, als bisher. Alle Einkommensarten, also vor allem Kapital- und Unternehmenseinkünfte müssen mit in die Progressionsstaffel einbezogen werden und als Einkommen genauso mitversteuert werden. Natürlich müssen die üppigen Ausnahmen radikal zusammengestrichen werden. Zweitens muss der Unsinn abgeschafft werden, nach dem Spitzensteuersätze maximal um die 50% dürfen, oder wie heute sogar darunter liegen. Warum soll ein Einkommensmillionär nicht 70% des Einkommens an Steuern zahlen? Er hätte dann immer noch 300000€ im Jahr. Damit wären wir bei Grenzsteuersätzen von meinetwegen 80% oder 85%. Das ganze dann mit einem Familiensplitting versehen, bei dem kinderreiche Familien ernsthaft entlastet werden und Dinkis (kinderlose Doppelverdiener) erheblich stärker als bisher belastet würden. Bei einem solch beherzten Umverteilungsschritt wären die zahllosen kleinen Umverteilungsschritte einfach nicht mehr notwendig, weil mit der verstärkten Progression der Einkommensteuer im Zusammenhang mit dem umfassenden Einkommensbegriff auch ausreichend gewährleistet ist, dass starke Schultern mehr tragen als schwache.

Lieber Christian, schließe dich doch lieber einer solchen Forderung an, anstatt linke Studis zu provozieren, die einen sinnvollen aber nicht ganz so wichtigen Kampf führen.

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Bewerbung als Kandidat des Wahlkreises 128 „Steinfurt III“ für die Bundestagswahl 2013

Nach gründlicher Überlegung habe ich mich entschieden, als Direktkandidat meines Wahlkreises 128 (früher 129) „Steinfurt III“ antreten zu wollen. Ich kandidiere daher bei der anstehenden Entscheidung auf der Wahlversammlung, die in den nächsten Monaten einberufen wird. Da ich nicht konkret ein Mandat im nächsten Bundestag anstrebe, gleichzeitig aber die Ernsthaftigkeit meiner Kandidatur demonstrieren will, möchte ich um Unterstützung für einen „hinteren Platz“ der Landesliste bitten.

Meine Themenschwerpunkte waren in den letzten Jahren die Bildungspolitik (wobei ich mit der Gründung der „Freien Schule Tecklenburger Land“ bereits einen deutlichen Akzent setzen konnte) und die digitale Revolution (an deren Gestaltung ich mich vor allem im Bereich meines beruflichen Umfeldes Schule in Form der Einführung „neuer Medien“, aber auch in der Debatte um freie digitale Bildungsmedien – OER – und seit diesem Jahr in der LAG Medien/Netzpolitik einbringe). Seit diesem Jahr vertrete ich im Kreistagsausschuss für Verkehr, Wirtschaft und Bauen auch diesen Politikbereich. Darüber hinaus habe ich mich immer und weitgehend erfolgreich bemüht, auf den meisten Politikfeldern die aktuelle Debatte zu verfolgen und zu verstehen.

Zu den Grünen kam ich 1989 als 20jähriger in meiner Heimatstadt Münster. Die umwälzenden Ereignisse dieses Jahres haben mich und meine politischen Positionen grundlegend geprägt. Nachdem ich mich in Folge der schmerzlichen innerparteilichen Diskussionen um den Kosovoeinsatz 1998 zurückzog, bin ich seit etwa 4 Jahren wieder aktiv in der Partei. Seit den 90er Jahren habe ich mich u.a. im Kreisvorstand in Münster und im nichtwissenschaftlichen Personalrat und später im AStA der Universität Münster für grüne Ziele eingesetzt. Da ich mich vor drei Jahren bei der letzten Kommunalwahl mitten in der Gründung der Freien Schule in Ibbenbüren einbrachte, bin ich derzeit in keinem Kommunalparlament tätig. Gleichwohl bin ich aktuell in meiner Heimatkommune Saerbeck und im Kreis Steinfurt auch in der regelmäßigen Fraktionsarbeit als sachkundiger Bürger und als OV-Sprecher in Saerbeck aktiv.

Ich glaube mit meinem persönlichen Hintergrund und besonders mit den Erfahrungen in der Gemeinde Saerbeck – Klimakommune NRW – überzeugend für Bündnis 90 / Die Grünen auftreten zu können und erhoffe mir Unterstützung für die Arbeit als Direktkandidat.

Mit grünen Grüßen

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OERcamp – Deutschland braucht wohl noch eine Weile

Vom 14.-16.9. fand in Bremen das erste deutsche OERCamp statt. Ich war dabei und mein Fazit ist gemischt. Zunächst das gute: Etwa 60 engagierte Personen aus allen möglichen Bereichen – LehrerInnen, WissenschaftlerInnen, SozialpädagogInnen, sogar SchülerInnen usw. – haben sich ausschließlich zu diesem Thema getroffen und 3 Tage intensiv ausgetauscht. Das kann ein großartiger Anfang werden. Gerade jetzt schwappt eine Welle und es wird deutlich, dass Deutschland auch in diesem (v.a.) Netzthema mal wieder hinterher hinkt. Die UNESCO feiert 10 Jahre OER-Bewegung. Die EU wird in diesem Thema immer aktiver und etliche Mitgliedsstaaten sind auf dem OER-Weg schon sehr aktiv, wie wir von Alastair Clark aus GB persönlich gehört oder von anderen Ländern wie Polen aus der Presse oder zahlreichen afrikanischen Staaten aus Berichten erfahren. Selbst die KMK nimmt sich dieses Themas nun an und der NRW-Koalitionsvertrag spricht von Modellprojekten. Es passiert gerade also eine Menge. Gleichwohl kennen wahrscheinlich nicht einmal 10% der deutschen Lehrer überhaupt den Begriff OER in irgendeiner Übersetzung oder die Lizensierung CC. Die Anwesenden in Bremen wollten diesen Rückstand angehen. Sogar mehrere teils namhafte Vertreter der Verlage haben sich die Szene angesehen und so ihre Bedeutung dokumentiert.
Glücklicherweise wurde nicht allzu viel über die Frage diskutiert, ob wir bessere Strukturen brauchen: man war sich scheinbar weitgehend darüber einig, dass wir solche Strukturen – einheitlichere Standards, Anlaufstellen im Netz, Modellprojekte – brauchen. Das ist erstmal alles gut so. Die Szene wird hoffentlich weiter zueinander finden und weiter wachsen.

Auf der anderen Seite muss aber auch gesagt werden, dass nicht allzuviel konkretes herausgekommen ist. In zahlreichen Sessions wurde diskutiert, aber ich habe nicht den Eindruck, dass der große Durchbruch bereits stattgefunden hat. Das hat sicherlich viele Gründe, die mit den besonderen Problemen und vor allem Traditionen in Deutschland zu tun haben. Dieselben Gründe, weshalb wir in dieser Frage in Deutschland noch so sehr am Anfang stehen. Zwei Probleme sehe ich aber auch bei den TeilnehmerInnen und dem Ablauf des OERCamps selbst.

1. Ich hatte den Eindruck, dass sehr viele TeilnehmerInnen des BarCamps noch etwas orientierungslos sind oder waren. Sehr interessierte und engagierte Leute, die das Thema der freien Bildungsmedien gerne voranbringen wollen, aber auch noch nicht so recht wissen wie. Das zeigte sich daran, dass die meisten Sessions recht unkonkret blieben und eher Grundlagen schaffen wollten. Noch deutlicher wurde das für mich dadurch, dass ich den Eindruck hatte, dass die Mehrheit der TeilnehmerInnen nicht weit von der zentralen Plaza des OERCamps wegkam und die Sessions „oben links“ und „oben rechts“ regelmäßig den Großteil der Teilnehmenden anlockten. Das wurde noch durch den zweiten Punkt verstärkt.

2. Die Vertreter der Verlage haben einen viel zu großen Raum eingenommen und die Stimmung im OERCamp zu stark bestimmt. Ich finde es gut, dass die sich dort blicken lassen haben und dass so gegenseitiges Verständnis wachsen kann. Ich hatte aber – und dieser Eindruck verstärkt sich noch, je mehr ich darüber nachdenke – deutlich den Eindruck, dass die ein sehr klares Ziel vor Augen  hatten und die naiven Gesprächsbereiten vor allem gespielt haben. Sehr deutlich wurde dies für mich dadurch, dass die pragmatische Offenheit immer wieder verbal betont wurde und die Auseinandersetzung zwischen dem Geschäftsmodell der deutschen Verlage und dem Prinzip OER als „sportlich“ bezeichnet wurde. Mir wurde das einfach ein paar mal zu häufig so betont. Es geht hier um 360 Millionen Euro (Schulbuchetat der deutschen allgemeinbildenden Schulen) und in Folge um tausende Arbeitsplätze und ganz nebenbei um Millionengewinne. Natürlich stellt die Web 2.0-Entwicklung deren Geschäftsmodell und damit deren Existenz in Frage. Da geht man nicht „sportlich“ miteinander um, sondern man verteidigt seine Interessen. Und dass ich die angeblich „sportliche Auseinandersetzung“ zwischen freier OER-Szene und geschlossenen Verlagsmodellen schon von ganz anderen Leuten aus derselben Szene auf der Didacta gehört habe, spricht auch eher für eine abgesprochene PR-Strategie. Wir sollten uns – ohne den Gesprächsfaden zu verlieren – doch ein wenig von den Verlagen abgrenzen und unser Ding machen, anstatt uns auf unseren Camps von den Verlagen zu stark von unserem Thema ablenken zu lassen. Als TeilnehmerInnen von gezielten Anwerbeversuchen auf dem OERCamp für potenzielle Autoren der Verlage berichteten, war meine Lust vollends verschwunden, ständig die meisten Besucher des OERCamps auf den Gesprächskreisen mit Verlagsdominanz zu sehen. Tut mir Leid, nach diesen Erfahrungen kann ich auf die Verlagsvertreter auf dem nächsten Camp gerne verzichten.

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Der Weg zum Schulbuch 2.0

Den Leitmedienwechsel in die Schulen bringen

Das alte Schulbuch ist ein Auslaufmodell, das neue muss jetzt gestaltet werden

So langsam scheint sich im Bereich der Bücher das E-Book auch in Deutschland seinen Platz zu ergattern. In der Schule bleibt aber alles nach wie vor beim Alten. So gaaanz allmählich wird die Nutzung des Computers (Textverarbeitung, Internetrecherche) zur schulischen Normalität. Dabei ist es Zeit, das bisherige Leitmedium der Schule, also das Schulbuch zur Disposition zu stellen. Computer – wenn sie in 1:1-Ausstattung und in SchülerInnenhand sind – können mit den richtigen Inhalten ausgestattet in den meisten Fällen nicht nur eine gleichwertige, sondern eine bessere Alternative sein. Ich hatte schon in einem anderen Post einige Gedanken dazu geäußert, wie man „OER professionalisieren“ kann (https://stubbesaerbeck.wordpress.com/2012/04/19/oer-professionalisieren/). Damals habe ich das Beispiel Polen genutzt, um für eine Stiftung für ein freies elektronisches Schulbuch zu werden. Diese Gedanken möchte ich hier noch einmal aufgreifen und konkretisieren.

Die Situation in der „Szene“

Hiermit meine ich einerseits die Schulen wie sie heute meist sind und die LehrerInnen in ihnen. Andererseits meine ich auch die Computeraffinen, die sich bemühen, die Grundlagen für mehr sinnvolle Nutzung der elektronischen Medien – insbesondere in Schulen – zu legen. Die technische und gesellschaftliche Entwicklung ist mittlerweile soweit, dass viele Menschen darauf warten, dass die Schulen die großen Möglichkeiten der elektronischen Medien endlich mehr nutzen. Notebookklassen sind keine wirklichen Exoten (wenn auch zahlenmäßig noch immer die deutliche Minderheit) mehr. 1:1-Ausrüstung (pro SchülerIn ein Computer), ob mit Tablet oder mit Netbook wird von ganz schön vielen schon als normal gesehen. Diese Leute wundern sich oft nur noch, warum die Schule diese Normalität noch nicht praktiziert. Gleichzeitig schleppen sich die SchülerInnen noch immer mit Büchern ab, nur um eine Aufgabe aus dem Mathebuch zu lösen oder um einen 10-Zeiler aus dem Deutschbuch zu lesen. 90% aller Schulbücher können problemlos durch E-Books oder noch besser durch interaktive elektronische Formen ersetzt werden. Wenn es hier auch noch freie Medien gäbe, wären diese auch noch kostenlos einsetzbar, so dass ein großer Geldbatzen frei würde. Die Finanzminister werden bei dieser Erkenntnis schon gierig blicken, so dass man deren Verlangen zurückweisen muss. Gleichzeitig verbietet das Urheberrecht jede Digitalisierung von Schulbuchinhalten, so dass es beispielsweise schon illegal ist, die Matheaufgabe abzufotografieren, um sie den SchülerInnen auf diesem Weg zur Verfügung zu stellen. Es sollte hier aber nicht um Sparvorschläge gehen, sondern nur darum, diese Mittel innerhalb der Medienwelt oder auch in anderen Bereichen besser einzusetzen.

Ich wünsche mir also in absehbarer Zeit die weitgehende Ablösung der Papier-Schulbücher durch elektronische Alternativen und in diesem Zuge eine selbstverständliche Ausstattung aller SchülerInnen mit Netbooks oder Tablets (möglichst gerade KEINE Ipads von dieser Krakenfirma mit dem angebissenen Obst!) und der Schulgebäude mit offenem WLAN in guter Qualität.

LehrerInnen und auch andere Interessierte schaffen immer schon ständig neues Lern- und Lehrmaterial. Kopiervorlagen für alle möglichen Lernsituationen zu gestalten, ist Alltag für alle LehrerInnen. Leider bleiben diese Produkte meist im privaten Ordner (früher von Leitz & Co., heute auf dem Computer). Manchmal findet ein Austausch in der eigenen Schule statt. Vor einigen Jahren sind Portale wie 4teachers.de entstanden, um den Austausch über Schulgrenzen hinweg zu ermöglichen. Gerade letzteres ist aber nicht mit der Entwicklung mitgegangen und mittlerweile aus meiner Sicht kaum noch attraktiv. Dazu trägt auch der fehlende Umgang mit dem Urheberrecht bei (s.u.). Andere wie zum.de sind da schon innovativer und besser auf dem Laufenden, können die Situation aber auch noch nicht zum Durchbruch bringen.

Zahlreiche Aktive veröffentlichen eigenes Material auf eigenen Seiten oder auf  anderen Servern. Insgesamt gibt es hier eine ziemlich undurchschaubare Szene von Servern und Geheimtip-Seiten, auf denen Einzeldokumente in verschiedenen Formaten zu finden sind. Das ist auch gut so und dringend notwendig, denn das ständige Ausprobieren von immer neuen Formen der Darstellung und Darbietung ist ein wichtiger Motor in dieser schnelllebigen Welt, die noch lange keine Stabilität gefunden hat.

Ein wichtiger Hemmschuh in dieser selbstorganisierenden Welt der OER (Open Educational Ressources) ist das Urheberrecht, vor allem in Deutschland. Wenn man einfach so seine Dokumente ins Netz stellt, darf das erstmal niemand ernsthaft nutzen. Es gilt das Standardverfahren, nach dem der Urheber immer um Erlaubnis für jegliche Weiternutzung gefragt werden muss, was im Internetbereich einem – wenn auch massenhaft missachteten – Verbot gleichkommt. Wenn man herunterlädt, ausdruckt und nur analog weiter verarbeitet, muss man aus pragmatischen Gründen mit keinen Problemen rechnen. Wer aber ein bestehendes Dokument weiterentwickelt und erneut hochlädt, muss schon auf die Freundlichkeit des Urhebers hoffen, denn dieser hätte das eigentlich erlauben müssen und kann nun mit Abmahnungen Abzocke betreiben. Das ist keine Spinnerei, denn die Abmahn-Abzocke greift immer weiter um sich und ernährt mittlerweile schon etliche Kanzleien. Genau dieses Problem hat man mit den Dokumenten von 4teachers.de. Um dieses Problem zu lösen, wurden die CC-Lizenzen entwickelt. Das soll hier nicht weiter vertieft werden, weil schon an anderer Stelle viel dazu geschrieben wurde.

Waiting for the great leap forward …

Ich denke, dass wir noch lange warten müssten, bis sich in dieser anarchisch organisierten Welt des Internet eine brauchbare Großstruktur von selbst bildet. Und genau die brauchen wir meiner Meinung nach jetzt bald, wenn die Schulen wirklich den großen Schritt gehen wollen. Also muss nachgeholfen werden! Wir brauchen eine handhabbare Möglichkeit, vom Papierbuch auf elektronische Alternativen umzusteigen. Und da man angesichts der notorisch unterfinanzierten Schulen nicht komplett erst die Computer und dann auch noch die (in Deutschland viel zu teuren) Lizenzen für E-Books der aktuellen Schulbuchmafia kaufen kann, brauchen wir preisgünstige – sprich kostenlose – elektronische Schulbücher. Und zwar vom Schulministerium für den vollwertigen Einsatz als Lehrwerk genehmigt und damit den bisherigen Schulbüchern rechtlich völlig gleichgestellt. Dass die Schulbuchmafia das nicht zulassen möchte ist klar, sie hat das aber hoffentlich nicht zu entscheiden. Eine Möglichkeit wären staatlich finanzierte Schulbuch-Flatrates. Angesichts der derzeitigen Finanzströme hin zu den Verlagen, müssten hier dreistellige Millionensummen fließen wenn es um die komplette Umstellung vom Papier auf E-Schulbücher und eine Kompensation des bisherigen Geschäftes geht.
Was aber auch nicht geht, ist eine staatlich gesteuerte Produktion eines Schulbuchs. Selbst wenn das legal wäre (wo ich mir nicht sicher bin, was ich aber bezweifele), würde das angesichts der Trägheit und Unflexibilität deutschen Schulbürokratie wohl nicht funktionieren. Der Mittelweg wäre eine Lösung, wie sie sich in der freien Szene im Computerbereich beispielsweise beim Betriebssystem Ubuntu oder bei Wikipedia bewährt hat: Eine Stiftung mit gemeinnützigen Zielen. Diese Stiftung könnte als Anschub mit staatlichen und auch mit privaten Geldern ausgestattet werden, dann aber durch rechtlich saubere Gestaltung vom Staat unabhängig arbeiten. Diese Stiftung wäre nur ihren Zielen unterworfen und könnte von äußeren Interessen weitgehend unabhängig agieren, sofern die Finanzierung gesichert wäre. Das Ziel wäre zunächst die Produktion eines genehmigten, professionellen elektronischen Schulbuchs für alle Fächer. Im zweiten (am besten zeitlich parallelen) Schritt müsste diese Stiftung die Infrastruktur schaffen, dass dieses Schulbuch durch freie Mitarbeit – ähnlich wie heute bei Wikipedia – weiterentwickelt und den Bedürfnissen der Benutzer angepasst werden kann. Dadurch entsteht ein lebendiges Produkt, aus dem nach und nach zwei, drei, viele verschiedene freie elektronische Schulbücher entstehen können.

Lizenz, Datenformat, Form

Die Publikationen der Stiftung, insbesondere das freie elektronische Schulbuch müssten in einer Lizenz erscheinen, die es anderen ermöglicht eigene Erweiterungen und Veränderungen vorzunehmen. Auch kommerzielle Weiterentwicklungen sollten willkommen sein, soweit die Ergebnisse nicht proprietär würden. Wer also das Material nutzt, muss seine Ergebnisse wiederum der Community zur Weiterentwicklung zur Verfügung stellen. Geld verdienen ließe sich dann mit so einem Projekt, wenn es einen Mehrwert für die Benutzer beispielsweise durch besonders benutzerfreundliches Hosting oder ein eigenes Baukastensystem verschiedener Teile und Versionen des freien Schulbuchs anbietet. Das würde insgesamt dem Projekt helfen und neue Inhalte produzieren helfen, die wiederum von der Community weitergenutzt werden können. Aus meiner Sicht ist also die CC-BY-SA-Lizenz genau die richtige für ein solches Projekt. Diese Lizenz ist mittlerweile ein wichtiger Standard in der „open“-Szene, die auch juristisch schon viele Prüfungen bestanden hat.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Datenformat. Bei klassischen Arbeitsblättern muss lediglich ein Textverarbeitungssystem gewählt werden. Man muss sich also nur zwischen der weitverbreiteten MS-Word- und der weniger weit verbreiteten, dafür aber offenen odt-Version entscheiden. Dieses Problem ließe sich durch einen Server lösen, der automatisch in das Wunschformat konvertiert. Im Bereich interaktiver E-Books gibt es meines Wissens nach noch keine offenen (oder durchgesetzten proprietären) Standards. Apple scheint mit den I-Books mal wieder die Nase vorn zu haben. Es müsste also, um sich nicht auf diese Krake aus Cupertino einzulassen, zunächst ein geeignetes Format für solch ein Projekt gefunden oder und dann eine freie Software zur Nutzung geschaffen werden. Wenn sich wie bei der Textverarbeitung später ein proprietäres System auf dem Markt durchsetzt, müsste eine automatische Konvertierung in beide Richtungen geschaffen werden.

Beim Entwickeln dieses Datenformates wäre schon inhaltlich zu denken: Was muss ein solches interaktives E-Schulbuch alles können? Dort fängt also bereits die Konzeptfrage an, die sich in den Datenformaten widerspiegelt. Aus meiner Sicht gehören hier neben Texten und Bildern auf jeden Fall bewegliche Bilder und interaktive Applet-ähnliche Elemente sowie eine (kollaborative) Kommentierungsfunktion hinzu. Vorhandene Medien und auch Applets u.ä. müssen ohne großen Aufwand in solch ein Projekt integriert werden können. Es ist also an der Zeit, über die Form eines Schulbuch 2.0 nachzudenken und gemeinsame Antworten zu finden.

Mitarbeiter

Es wäre aussichtslos (weil viel zu teuer), ein solches Projekt auf bezahlte Kräfte aufzubauen. Das ist aber wohl auch gar nicht nötig. Nun könnte man auf die Crowd setzen, die im Internet ohne unendlich große Finanzmittel schon Wikipedia und zahlreiche andere Projekte geschaffen hat. Ich denke, man kann aber viel klassischer bleiben. Die Schulbuchverlage rekrutieren ja auch jetzt schon vor allem LehrerInnen, die neben ihrer Arbeit für ein geringes Honorar inhaltliche Ergebnisse ihrer Arbeit zur Verfügung stellen. Leider gehören die Ergebnisse dieser Arbeit dann weder den Autoren, noch der Öffentlichkeit, sondern ausschließlich den Verlagen. Aus meiner Sicht sollte ein ausreichendes Budget für Honorare zur Verfügung stehen, mit dem einzelne Abschnitte des E-Schulbuchs an entsprechend relativ gering, aber immerhin bezahlte Kräfte vergeben würden. Ich glaube, dass das in diesem Projekt hilfreich und sinnvoll wäre, weil man ja ein neues Projekt in relativ kurzer Zeit zielgerichtet auf die Beine stellen möchte. Im zweiten Schritt, wenn bereits eine Basis geschaffen wurde, wäre eine offene Community sehr hilfreich, die Ergebnisse zu verfeinern, weiterzuentwickeln und zu erweitern.

Das Projekt bräuchte also drei Gruppen von MitarbeiterInnen: Erstens eine Handvoll professionelle Manager, die (z.B. jeweils für ein Schulfach oder einen Lernbereich) den Überblick bewahren, mit der Politik (das E-Schulbuch soll ja auch später genehmigt werden) in Kontakt steht, Rückmeldungen „von unten“ einholt, Aufträge vergibt und weitere Geldgeber anwirbt. Zweitens Honorarkräfte, die ein erstes professionelles inhaltliches Fundament in Form von Auftragsarbeiten und ein professionelles Design schaffen und drittens eine möglichst große Gruppe ehrenamtlicher, die in Form von Crowdsourcing das ganze zu einem lebendigen Organismus werden lässt. Die letzte Gruppe kann in moderiertem Rahmen den eigentlichen Text weiterentwickeln oder eigene Forks abzweigen, in denen sie eigenverantwortlich den Inhalt weiterentwickeln und damit auch Material schaffen, das wiederum im eigentlichen Projekt oder anderen Forks genutzt werden kann.

Finanzierung und Steuerung

Ein solches Projekt ist ein ziemlicher Kraftakt. Einfach auf die dynamische Entwicklung in der Internetcommunity zu warten, würde aus meiner Sicht viel zu lange dauern. Wir brauchen jetzt einen großen Schritt nach vorne. Um eine Handvoll Professionelle und eine ausreichende Menge Honorarkräfte zu bezahlen, sind aus meiner Sicht siebenstellige Summen pro Jahr notwendig, sagen wir mal jährlich 1-2 Millionen Euro für ein paar Jahre. Wir brauchen also 5-10 Millionen Euro für den Start und dann einen Kapitalstock, der das ganze nachhaltig unterhält. Angesichts eines Schulbuchumsatzes von etwa 350 Millionen € pro Jahr ist das verschwindend gering. Es sollte also möglich sein, im politischen Raum ein Bündnis fortschrittlicher Bundesländer hinzubekommen, die sich jeweils mit ein oder zwei Millionen über mehrere Jahre gestreut beteiligen und einen Grundstock für so eine Stiftung schaffen. Auch große Stiftungen, wie z.B. die Bertelsmann- oder Telekomstiftung Stiftung halte ich durchaus für anfragenswert und auch private Geldgeber sind möglich. Einen kleinen Teil könnten auch Crowdfunding-Elemente übernehmen. Ich halte also eine Ausstattung mit 10-20 Millionen, die eine intensive Anschubarbeit und eine durch einen Kapitalstock gedeckte dauerhafte Arbeit sichern, für völlig realistisch. Es sind schon viel unsinnigere Dinge mit mehr Geld finanziert worden. Wir müssen nur an die entscheidenden Stellen kommen.

Ist das Kapital erst einmal zusammen oder vertraglich zugesagt, kann eine Stiftung gegründet werden. Diese sollte in ihrem Zweck den öffentlichen Auftrag festgeschrieben bekommen und dadurch gleichzeitig von politischen Vorgaben befreit werden. Ein Stiftungsrat müsste aus einer Mischung aus einer Minderheit politischer Vertreter und der Schulbürokratie und möglichst vieler unabhängiger und innovativer Experten aus dem Medien- und Netzbereich kommen. Besonders die aktiven Teilnehmer eines solchen Projektes müssten durch geeignete Verfahren an den Entscheidungen der Stiftungen beteiligt werden.

Fazit:

Ein Leitmedienwechsel in den Schulen ist nötig und auch innerhalb weniger Jahre möglich. Dazu braucht es ein wenig finanziellen und politischen Mut von öffentlicher Seite, um eine Stiftung für diesen Zweck zu gründen. In Zusammenarbeit mit einer offenen Gemeinschaft interessierter MitarbeiterInnen könnte so ein frei verfügbares und kostenlos einsetzbares elektronisches Schulbuch entstehen, dass einen wichtigen Reformschub in die deutsche Schullandschaft bringen kann.

Der Autor freut sich über Anregungen, Kritik oder andere Rückmeldungen.

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Schulausschuss Saerbeck

Am 5.6.2012 war mal wieder Schulausschuss der Gemeinde Saerbeck. Eigentlich gab es nur einen wichtigen Punkt – dazu weiter unten mehr. Es hat sich aber etwas völlig nebensächliches zum großen Aufreger entwickelt. Man könnte auch sagen, dass die CDU mal wieder ihre mangelnde Bereitschaft bewiesen hat, die politische Konkurrenz zu akzeptieren oder man könnte auch sagen: die CDU muss Demokratie noch lernen. Worum geht es?
An zwei Stellen wurden Verträge als Tischvorlage angekündigt. Eigentlich relativ unproblematische Verträge, aber grundsätzlich muss man Verträge ja gründlich lesen, um die Details zu überschauen. Alles andere wäre rein symbolische Beteiligung, die mit Demokratie nicht mehr viel zu tun hat. Nun sollten die Verträge ja auch gar nicht im Ausschuss beschlossen, sondern nur diskutiert werden. Leider war es diesmal aber so, dass schon am darauffolgenden Tag Ratssitzung war und so die Ratsmitglieder die Tischvorlagen also auch nicht zugesandt bekommen würden. Ich habe dann einfach nur darum gebeten, die Unterlagen elektronisch verfügbar zu bekommen, um sie meinen Ratsmitgliedern zumailen zu können. Ich verstehe bis heute nicht, was daran unverschämt oder sonstwie verwerflich ist, aber die CDU hat sich fürchterlich aufgeregt mit Verweis auf unangemessene Forderungen und die Frage, was das denn solle. Auch der Dezernent der Gemeinde war leider nicht allzu kooperativ, hat mir aber die Zusendung am nächsten Tag zugesagt und das auch eingehalten. Allerdings mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass damit kein Präzedenzfall geschaffen werden soll.

Ich bin immer noch verwundert über diese Aufregung. Als Reaktion haben wir aber einen Antrag formuliert, nach dem Tischvorlagen unmittelbar nach Vorliegen – möglichst noch vor der entsprechenden Sitzung – in den Sitzungsdienst eingestellt und damit öffentlich gemacht werden. Ich hoffe, dass das nicht wieder zu solchen blöden Diskussionen führt.

So, jetzt noch kurz zu dem einzigen wichtigen Thema: Die Stadt Recke möchte zum Schuljahr 2013/14 eine Gesamtschule errichten. Dazu muss sie unter anderem die Gemeinde Saeŕbeck anfragen, ob wir Einwände erheben. Nun hat ja bereits Greven und Ibbenbüren zum kommenden Schuljahr die Genehmigung erhalten, eine Gesamtschule zu gründen. Damit ist natürlich das bisherige Alleinstellungsmerkmal unserer Gesamtschule hinfällig. Gleichwohl sehe ich keinen Grund, warum wir der Stadt Recke Steine in den Weg legen dürfen. Vor einigen Jahren hat unser Bürgermeister, genauso wie alle anderen Bürgermeister der Region, den Vorstoß unter anderem der Grünen des Kreises vehement zurückgewiesen, nach dem ein regionales Konzept von Seiten des kreiseigenen RBN (Regionalen Bildungsnetz) angestoßen werden sollte. Mit dem Hinweis auf Zuständigkeiten wurde das damals so wichtige Gespräch abgelehnt. Auch eine eigene Initiative zu so einem Gespräch hat es leider nicht gegeben. Ich muss also feststellen, dass auch unsere Gemeinde sich nicht um Abstimmung bemüht hat. Daher halte ich es nun für moralisch unzulässig, der Stadt Recke in die Parade zu fahren. Zusätzlich kann ich grundsätzlich weitere Gesamtschulgründungen nur begrüßen.

Leider ist es aufgrund von Kommunikationsmängeln und unglücklichen Umständen dann nicht richtig an die Ratsfraktion weitergeben worden, so dass diese sich ohne Dikussion nicht gegen den Antrag auf Erhebung von Bedenken gestellt hat. Dieser Faux-Pas ist sehr unglücklich gelaufen. Besonders wundert mich aber, dass die SPD ebenfalls diesem Antrag zugestimmt hat. Dass die CDU/FDP/UWG sich auf diese Weise verhält, war mir klar.

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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schlimmste Krake im (Computer) Land?

Auslöser dieses Posts ist die Situation in der Grünen Kreistagsfraktion, in der ich als sachkundiger Bürger mitarbeite. Wir wollen unsere Kommunikationsabläufe und die Dokumentenverarbeitung verbessern und probieren seit Monaten mit Google herum. Neben Umstellungsproblemen kommt immer wieder die Diskussion auf, ob man mit so einer Datenkrake überhaupt arbeiten darf. Das nehme ich zum Anlass, einmal über die großen Kraken der Computerwelt zu schreiben und wie man mit ihnen meiner Meinung nach umgehen sollte.

Aus meiner Sicht gibt es vier große Kraken: Facebook und Apple, Google und Microsoft. Bevor jetzt schon Protest kommt: Ja, es gibt noch mehr Kraken, davon sind einige sogar ganz schön groß. In dieser Kategorie befindet sich sicherlich auch Amazon. Da die aber nur einen sehr eingeschränkten Bereich (nämlich hier z.B. das Einkaufen) ausmachen und zudem auf Wunsch noch relativ leicht zu umgehen sind und außerdem deren Krakenhaftigkeit durch entsprechende Browsereinstellungen zu verhindern ist, will ich an dieser Stelle nicht von dieser Gruppe von Mittel- bis Kleinkraken schreiben.

Bleiben die vier großen Kraken:

Facebook

Spätestens nach der Einführung der Timeline ist Facebook für mich zu einer fürchterlichen Krake geworden. Was da einmal drinsteht, ist nicht mehr zu löschen. Das wird uns verkauft als öffentliches Tagebuch, das seine Authentizität nur dann haben kann, wenn man nachträglich nicht mehr großartig die Aussagen verfälschen kann. Wer Facebook rosarot anmalen will, würde also sagen, dass Geschichtsfälschung in eigener Sache verhindert werden soll. Wer später mal mitbekommt, dass da in der Timeline aber doch so machen Sachen stehen, die man der Öffentlichkeit nicht auf dem Silbertablett präsentieren will, wird es heikel. Man stelle sich nur mal vor, jemand stellt seine neue Liebe über Facebook dar und irgendwann trennt man sich. Für die nächste Liebschaft kann das durchaus ein nennenswertes Problem sein, dass man als eine in einer längeren Reihe dasteht. In Wirklichkeit empfindet man zwar nur für die eine, in der Timeline wirkt das aber ganz anders. Man kann dann nur für den Preis der Abschaltung eines wichtigen Teils der eigenen Biografie das ganze Konto sperren und ein neues anlegen.

So ganz nebenbei wird Facebook im Prozess des Tagebuchschreibens mittlerweile schon für eine ganze Generation zu einem vertrauten Raum, dem man so manches anvertraut. Sich aus diesem virtuellen Mikrokosmos fernzuhalten, ist nur unter dem Preis relativer sozialer Isolation möglich. Nimmt man aber teil, ist es kaum möglich, nicht haufenweise sensible persönliche Daten preiszugeben, die einer weltweit agierenden Firma wie Facebook rein gar nichts angehen. Viele junge Menschen sind durch diese intimität viel zu unkritisch im Umgang mit Facebook.

Das schlimmste: Die Daten gehören nicht den Benutzern und Facebook kann damit machen, was sie wollen. Selbst wenn ich den Account lösche, habe ich keine Kontrolle, was Facebook mit den gesammelten Daten macht. Von Datenmitnahme auf ein mögliches anderes Netzwerk ganz zu schweigen.

Apple

Wie Wissenschaftler mittlerweile herausgefunden haben, sind die neuronalen Regungen von typischen Apple-Nutzern  sehr vergleichbar mit denen, die man bei wahrer Liebe empfindet. Es ist also nicht Abhängigkeit oder rational gesteuert, was die Apple-Gemeinde zum angebissenen Obst treibt, sondern vor allem Emotionen. Apple ist cool, obwohl das vom Wortsinn eigentlich fast das Gegenteil von Liebe ist.

Apple war mal Avantgarde und als David gegen den Goliath Microsoft schon sehr sympathisch. Eine von vielen belächelte Gemeinde war total überzeugt davon, dass Apple die besseren Geräte herstellt: Schneller, stabiler, besser zu bedienen. Das mag auch stimmen. Ich habe leider in dieser Phase nicht die Gelegenheit gehabt, dieses Image zu überprüfen. Bis heute wird das von Apple-Geräten behauptet. Logisch erklärt wird das mit der kontrollierten Software, auf die Apple großen Wert lege. Logisch ist das, das bringt uns aber auch schon zum großen Problem mit Apple: Apple braucht ein geschlossenes System von Hardware und Software, um auf diese Weise zu funktionieren. Das hat zwei Nachteile: Einerseits sind alle Monopole (das Apple in der „Apple-Welt“ natürlich automatisch hat) uneffizient. Die hohen Preise (bei gleichzeitig gigantischen Gewinnen) sprechen eine deutliche Sprache. Das ganze natürlich nicht begründet mit wohltäterischer fairer Bezahlung für die Zulieferer. Über in den Selbstmord getriebene chinesische Arbeiter für Apple-Zulieferer wurde schon viel berichtet.

Apples Monopol in seiner Welt ist sein größtes Kapital und dieses Monopol wird Apple niemals freiwillig aufgeben. Man stelle sich einmal vor, der Erfinder des linierten Schulheftes hätte das Patent für rechteckige Papierhefte und würde allen Schulministerien nur noch erlauben, Schulhefte in den Schulen nutzen zu lassen, wenn die Schulbücher von ihm „auf saubere Formulierung“ (oder was auch immer) geprüft wird. Das würde kein Mensch akzeptieren. Bei Apple ist das aber selbstverständlich und wird noch nicht mal als Problem gesehen, da das ja der Schlüssel für das angeblich so gut funktionierende System ist.

Apple verschließt also die Türen und baut eine stabile Welt auf, in der die Firma wie ein absolutistischer König über alles die Kontrolle hat. Nichts geht im Apple-Land ohne die totale Kontrolle des Diktators. Und auch hier ist eine erschreckende Naivität der BewohnerInnen dieser Apple-Welt zu beobachten.

Microsoft

Microsoft würde ich inzwischen als wankenden Riesen bezeichnen. Lange Zeit war Microsoft das, was in der Apple-Welt der Diktator noch heute ist. Microsoft war der Prototyp der Krake, der allen anderen vorgemacht hat, wie einfach es ist, eine Schlüsselposition dazu zu missbrauchen, Milliarden anzuhäufen. Erst „nur“ mit dem Betriebssystem DOS und später Windows. Dann mit MS Office und später – nach einem verunglückten Start – mit dem Internet-Explorer. Dabei konnte Microsoft seine Hegemonie im Betriebssystem-Markt (der eigentlich den Begriff Markt kaum verdient hat) durch wohl gehütete, aber bei den eigenen Produkten gerne genutzte Funktionen dazu missbrauchen, sich einen Konkurrenzvorteil zu verschaffen. Schwuppdiwupp hat Microsoft ein Marktsegment nach dem anderen mit Monopolen plattgedrückt und alle anderen Anbieter entweder gefressen oder ausgetrocknet. Man konnte  im ersten Jahrzehnt dieses neuen Jahrhunderts nur noch Angst bekommen wegen der immer schlimmer werdenden Macht dieser Firma. Glücklicherweise sind dann die staatlichen Institutionen – wenn auch viel zu spät aber immerhin – aufgewacht. Mittlerweise klappt es schon einigermaßen, Microsoft zu relativer Transparenz und zu halbwegs fairem Konkurrenzkampf zu zwingen. Gleichwohl muss jeder einzelne Schritt immer wieder hart erzwungen werden. Microsoft tut immer noch nichts davon freiwillig.

Was Microsoft vor allem bleibt, ist die Macht der Gewohnheit. Einmal Microsoft (Office) – immer Microsoft (Office). Dass neue Officeversionen plötzlich völlig neue Oberflächen haben, machen die meisten Benutzer bereitwillig mit. Es ist ja nicht so, dass man keine Veränderungen mitmachen würde, schließlich ist man ja nicht etwa konservativ, neinnein. Aber sich von Microsoft wegtrauen, tut dann doch kaum einer. Dabei stehen mit OpenOffice bzw. LibreOffice schon völlig ausgereifte und auch weitgehend stabil laufende Alternativen sogar kostenlos zur Verfügung. Glücklicherweise kann man als Benutzer diese Alternative wählen, ohne von den Dokumenten abgeschnitten zu sein. MS-Office Formate lassen sich problemlos von LibreOffice lesen und man kann problemlos komplett mit Microsoft-Formaten arbeiten. Leider weigert sich Microsoft, diese Funktion auch in Gegenrichtung einzubauen, obwohl der Aufwand dazu nicht der Rede wert wäre. Es geht um die verbliebenen Reste des Monopolkampfes. Die unwissenden Menschen haben Sorge, dass sie von der Mehrheitswelt abgeschnitten wären. Dass Microsoft selbst sie immer wieder von dieser Mehrheitswelt abschneidet, weil sie ständig unkompatible neue Dateiformate zum Standard erklären, ist dabei unerheblich. Das Spiel namens „Microsoft hat eine neue Version – alle kaufen um nicht außen vor zu sein“ funktioniert noch ganz gut.

Google

Google ist bestimmt die Krake, die am meisten von uns weiß. Fast jeder in Deutschland (manche Länder sind gar nicht so Google-fixiert) nutzt Google täglich zur Infosuche. Google weiß also von fast jeden, für was er sich so interessiert. Mit Android geht Google noch viel tiefer in die Informationsspeicherei, so dass fast das gesamte E-Kommunikationsverhalten der Benutzer für Google ein offenes Buch ist. Mit seinen vielen tollen Diensten deckt Google einen großen Teil der Internetaktivitäten ab, der nicht gerade von den anderen drei Kraken schon besetzt ist. Man kann nur hoffen, dass Google seinem Motto „Do no evil“ noch halbwegs treu bleibt. Abgesehen von Kollaboration mit den Verbrechern in China sind nur wenige Berichte publik, dass Google sich mit den echten Verbrechern der Welt verbündet. Mit all dem Wissen, das Google mittlerweile von uns hat, könnte das auch böse enden.

Nun, wer ist am schlimmsten?

Aus meiner Sicht sind eindeutig Apple und Facebook die beiden Anti-Könige der Computerwelt. Beide betreiben das Geschäft des Einsperrens noch völlig unbegrenzt. Sie schaffen geschlossene Mikrokosmen, von denen sie möglichst wenig nach außen lassen. Beispielsweise ist es nicht so einfach möglich, sein social-network hauptsächlich über Google+ zu betreiben und alles automatisch in Kopie in Facebook zu posten, bei gleichzeitiger Rückmeldung über dortige Aktivitäten anderer. Google hätte angesichts der Marktstellung von Facebook sicher ein großes Interesse daran. So könnten sie die Menschen als Kunden binden, ohne dass diese die soziale Isolation in einer Minderheitenwelt fürchten müssen. Das ist reine Marktmachtverteidigung von Facebook. In einer Marktwirtschaft entspricht das auch den Regeln, ist aber für mich in hohem Maße abstoßend.

Apple stößt mich nicht nur wegen seiner Abgrenzungspolitik ab. Die eigene Welt soll unüberwindlich gemacht werden und dann das innere dieser Welt so intensiv wie möglich von Apple zum Geldverdienen genutzt werden. In einigen Elementen wird kontrollierte Offenheit praktiziert, weil auch Apple weiß, dass die Croud viel mehr gute Produkte schafft, als es eine noch so coole Firma je könnte. Schade nur, dass es Apple tatsächlich immer wieder gelingt, echt gute Produkte zu schaffen und (leider!) exklusiv auf den Apple-Rechnern zu halten. Ein Beispiel ist der Ibook Author. Damit schafft sich Apple mal wieder einen deutlichen Vorsprung in einem Segment vor den anderen Parralelwelten (Microsoft, Android, Linux).

Am meisten stößt mich das Getue der Appleianer ab. Dieses abstoßende Machtspiel auch noch mit der Attitüde mitzuspielen, dass man selbst einen Teil der Coolness des Produktes abbekommt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Man geht hier knallharten Kapitalisten auf den Leim. Das hat garnix mit Coolness zu tun.

Microsoft ist in Teilen schon heftig angeschossen. Die staatlichen Stellen in USA und Europa haben erfolgreich das schlimmste verhindern gelernt und Microsoft zu halbwegs akzeptablem Verhalten gezwungen. Noch dazu gibt es zu allen drei Säulen des Microsoft-Imperiums brauchbare Alternativen. Als Betriebssystem kann man mit Ubuntu-Linux vollwertig arbeiten. Im Officebereich ist LibreOffice nicht nur ein vollwertiger Ersatz sondern auch noch legal und kostenlos kopierbar. Nie wieder veraltete Software wegen fehlender Lizenzen. Und im Browsergeschäft ist Microsoft sowieso nur noch einer unter Mehreren. Dieser Bereich ist sehr beweglich und die Bindung an ein Produkt ist relativ gering. Hier hat Microsoft seine Macht schon faktisch verloren.

Bleibt noch Google. Ich sehe deren Rolle relativ  harmlos. Dass es sich hier ohne jeden Zweifel um eine Krake handelt und diese Krake wohl so viel über uns weiß, wie noch nie irgendeine Institution in der Geschichte der Menschheit steht für mich außer zweifel. Aber:

Google betreibt im Vergleich zu den anderen Kraken offene Plattformen. Ich glaube ihnen, dass sie die Abschottung auch nicht nötig haben. Google ist einfach enorm innovativ und schafft unglaublich attraktive Angebote. Wenn eine andere Suchmaschine besser wäre, würden wir alle ganz schnell wechseln. Wenn ein anderes Produkt uns Satellitenbilder besser präsentieren würden, wir würden gehen. Und Google hat es bisher nicht nötig, uns einzusperren, weil wir keinen Anlass haben, zu gehen. Sie machen einfach die besten Produkte. Darum bleiben wir in vielen Bereichen freiwillig dort.

Wie sollten wir damit umgehen?

Hier muss jeder seinen Weg gehen. Ich beschreibe, wie ich versucht habe, die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Ich habe schon vor einigen Jahren mein MS-Office durch OpenOffice ersetzt. Nach ziemlich kurzer Einarbeitungs- und Umgewöhnungszeit kann ich weiterhin besser mit Office umgehen, als fast alle Leute in meinem Umfeld. Das geht in LibreOffice (bei dem ich mittlerweile gelandet bin) genauso gut. Also: Office krakenfrei!

Vor Monaten habe ich den mutigen Schritt gewagt, auch das Betriebssystem zu ändern. Ich nutze nun Ubuntu-Linux. Obwohl mein Rechner noch einige Mucken gemacht hat (was wohl eher die Ausnahme ist), kann ich mittlerweile super mit dem System arbeiten. Der Schritt war wirklich deutlich größer, als der Schritt weg vom MS-Office. Ärgerlich ist es auch, dass mein Canon MG6150 keine wirklich gute Scanner-Integration in Ubuntu hat. Da muss ich auch weiterhin etwas herumkaspern, um meine Dateien einzuscannen. Ansonsten gibt es alle möglichen freien Programme (z.B. GIMP) oder auch wichtige proprietäre Software (PDF-Viewer) auch für Linux. Nur weniges Programme (meist für spezielle Fälle) gibt es nicht für Linux. Hier kann man sich manchmal mit dem Emulator (naja, eigentlich stimmt das nicht ganz) WINE behelfen oder auch in einer VirtualBox dann doch noch einmal ein echtes Windows-Fenster öffnen.

Beim Browserbereich kann man Firefox ja sowieso schon lange nutzen, ohne sich als Außenseiter fühlen zu müssen.

Meinen Tablet habe ich absichtlich ohne angebissenen Apfel gekauft. Android läuft auch super. Jetzt kommt die Kreisverwaltung und will ein Dokumentensystem einführen: Natürlich Apple-basiert. Hoffentlich finde ich da noch einen Ausweg.

Beim herumposaunen in sozialen Netzwerken sollte man ja sowieso vorsichtig sein. Ich nutze zwar unter anderem Facebook, behalte aber die Sachen, die die nix angehen für mich. Ich habe zum Beispiel sofort die Gesichtserkennung ausgeschaltet, damit mich auch andere nicht anklicken und so die Krake zum Lernen verhelfen. Anfragen, ob ich Bruder oder Klassenkamerad von diesem oder jenem bin, beantworte ich grundsätzlich nicht. So erfährt Facebook nicht mehr als nötig von mir.

Mit Google bin ich aus genannten Gründen relativ unkritisch. Die sollen auch nicht mehr erfahren als nötig. Gleichzeitig bin ich aber auch nicht allzu geizig mit Infos, weil ich die Offenheit Googles (sowohl bspw. bei Google-Docs, als auch beim Android-System allgemein) zu schätzen weiß.

Mein Fazit: Die schlimmsten sind eindeutig Facebook und Apple (gemeinsam auf Platz 1), mit einigem Abstand gefolgt von Microsoft und Google. Vorsichtig sollte man aber bei allen vieren sein. Man muss sich aber bei vernünftigem Umgang auch nicht aus Angst vor den Kraken selbst blockieren.

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