Wie weit ist die Klimakommune Saerbeck?

In der Diskussion um eine Energiewende in Deutschland wird das Dorf Saerbeck, in dem auch ich seit mehr als acht Jahren lebe gerne als Musterbeispiel gesehen. Mit der Einrichtung des Bioenergieparks mit einer großen PV-Anlage, sieben großen Windenergieanlagen und zwei Biogasanlagen (eine davon aus Biomüll des Kreises Steinfurt) steht Saerbeck auf seinem Weg schon gut da. Ziel ist es, bis 2030 bilanziell energieautark zu werden, also genauso viel Energie selbst zu produzieren, wie man verbraucht. Natürlich könnte man auch dann nicht die Leitungen nach außen kappen, weil erstens die Energie nicht zwingend zu den Zeiten produziert wird wo sie auch verbraucht wird und zweitens ein Stromüberschuss natürlich ins große Netz eingespeist werden soll. Mit den geplanten Anlagen zur Stromspeicherung kommt man der echten Energieautarkie zwar etwas näher, eine volle Selbstversorgung ist jedoch nicht nur illusorisch, sondern auch gar nicht wichtig.

Ich habe mich in letzter Zeit schön häufiger gefragt, wie weit wir auf diesem Weg zur bilanziellen Energieautarkie eigentlich sind. Der Bürgermeister hat manchmal schon gesagt, mit den neuen WEA wären wir praktisch schon so weit, aber ich habe da doch einige Zweifel und möchte selbst gerne nachrechnen. Man darf auf keinen Fall bilanzielle Selbstversorgung mit Strom mit einer vollständigen bilanziellen Energieautarkie verwechseln.

Dieser Text soll eine erste Einschätzung erreichen, wie viel wir auf dem Weg schon erreicht haben. Dabei habe ich mehrere Schwierigkeiten:

  • Daten
    Die Datenlage ist spärlich. Glücklicherweise hat Prof. Wetter bereits im Gemeindesteckbrief viele Daten gesammelt. Diese können durch neuere Informationen, die aber oft nur grob geschätzt werden, ergänzt werden.
  • Methodik
    Die Frage ist oft, wie man die entsprechenden Daten schätzt. Beispielsweise werden jetzt 20MW WEA installiert. Interessant ist aber, wie viel Strom diese produzieren. Hier setze ich als grobe Schätzung für WEA 2000 Volllaststunden und für Photovoltaik (PV) 1000 Volllaststunden ein. Ein MW WEA produziert also geschätzt 2000 MWh Strom pro Jahr, 1 MW PV produziert geschätzt 1000 MWh Strom pro Jahr.
  • Verrechnung
    Bei der Berechnung hat man ein Problem. Strom lässt sich in der Gemeinde Saerbeck über PV und WEA relativ leicht produzieren, Wärme weniger. Wärme kann in beschränktem Maße durch Holz oder Biogas erzeugt werden, doch wird es niemals gelingen, die gesamte benötigte Wärme selbst zu produzieren. Beim Treibstoff ist es noch schwieriger. Elektromobilität könnte hier auf Dauer ein Ausweg sein, doch werden bei einer energieautarken Gemeinde Saerbeck immer Überschüsse beim Strom Defiziten bei der Wärme und erst recht bei den Treibstoffen gegenüber stehen. Wenn man nun 1 kWh Strom einfach mit 1 kWh Wärme verrechnet, würde man zu pessimistisch herangehen. Weil bei der Stromproduktion aus 3 kWh Wärme nur 1 kWh Strom gewonnen wird und umgekehrt mit Wärmepumpen aus 1 kWh Strom relativ zuverlässig 3 kWh Wärme produziert werden können, soll hier als Kompromiss ein Überschuss von 1 kWh Strom mit einem Defizit von 2 kWh Wärme bzw. Treibsoff verrechnet werden.

Zahlen:

Prof. Wetters Berechnung basierte 2011 auf folgenden Daten (jeweils grob gerundet):

vorhandene Energieerzeugung in Saerbeck:

  • 5 WEA im Nordosten und 3 WEA im Westen von Saerbeck mit einer installierten Leistung von insgesamt knapp 17 MW (Ertrag geschätzte 30 MWh, wobei Wetter nur 10 MWh in 2011 angibt. Dies könnte mit dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme zusammen hängen, müsste aber noch geklärt werden)
  • 208 kleine PV-Anlagen mit einer installierten Leistung von 1,4 MW

Energieverbrauch:

  • Stromverbrauch: 28000 MWh
  • Heizenergie: 62000 MWh
  • Energie für Treibstoff: 65000 MWh

Seitdem sind folgende Anlagen hinzu gekommen oder stehen unmittelbar bevor:

  • Die große und viele kleine PV-Anlagen, so dass wir heute etwa 13 MW installierte Leistung vorliegen haben (etwa zur Hälfte innerhalb und außerhalb des Bioenergieparks). Geschätzter Ertrag: 13000 MWh
  • eine erste Biogasanlage (1 MW) und vorgesehen ist eine zweite auf Basis der Bioabfälle des Kreises Steinfurt (1 MW). Bei der ersten Anlage kann die thermische Energie vernachlässigt werden, weil sie als Prozesswärme genutzt wird, die erst durch den Bioenergieapark entstanden ist und daher bei Wetters Berechnungen nicht einbezogen wurden. Ähnlich ist es bei der zweiten Anlage, weil damit Gebäude auf dem Gelände des Bioenergieparks beheizt werden, die früher nicht einbezogen wurden. Hier soll also nur die elektrische Leistung beachtet werden. Geschätzter Ertrag 16000 MWh (angesetzte Volllastzeit je 8000 h pro Jahr)
  • Die „sieben Riesen“, also WEA im Bioenergiepark mit einer Gesamtleistung von 20 MW. Geschätzter Ertrag 40000 MWh

Mit diesen Anlagen kommen wir also auf geschätzte Stromproduktion von 13000 MWh PV, 16000 MWh Strom aus Biogas und 40000 MWh Wind. Hinzu kommen etwa 30000 MWh aus den alten WEA. Die gesamte Stromproduktion liegt also in Kürze bei etwa 99000 MWh. Dem stehen (mit Zahlen aus 2011) etwa 28000 MWh Stromverbrauch (Haushalte, Landwirtschaft und Industrie, also Gesamtstromverbrauch) gegenüber. Alleine im Strombereich hat Saerbeck also in Kürze einen Selbstversorgungsgrad von etwa 350%, also einen Überschuss von 71000 MWh. Das klingt schonmal gut.

Zieht man aber nun auch die anderen Bereiche mit ein, sieht die Sache schon anders aus. Nach Wetters Berechnungen stehen bei der Wärme ein Verbrauch von 62000 MWh eine Erzeugung nahe 0 und bei den Treibstoffen ein Verbrauch von 65000 MWh eine Erzeugung von exakt 0 entgegen. Eventuell hat sich bei der Wärme durch Pelletsheizungen etwas getan, aber die werden in Saerbeck auch nicht produziert. Wir können in diesen beiden Bereichen also von einem Defizit von etwa 127000 MWh ausgehen.

Bilanz:

Wenn man nun aus beschriebenen Gründen Stromüberschüsse mit einem Faktor 2 gegenüber anderen Defiziten verrechnet, so kommen wir auf folgende Rechnung:

Verbrauch: 155000 MWh

Erzeugung (rechnerisch): 170000 MWh (Stromüberschuss doppelt gezählt)

Das ergibt einen rechnerisch gewichteten Energieautarkiefaktor von 110%, den wir in Kürze erreichen werden. Damit darf sich die Gemeinde Saerbeck meiner Meinung nach bereits nach Fertigstellung der 7 WEA als energieautark bezeichnen!

Ohne den „Rechentrick“ mit dem Faktor 2 läge der Energieautarkiefaktor bei 64%

Noch besser sieht es aus, wenn in der Saerbecker Bauernschaft Sinnigen etwa 8-10 neue WEA gebaut werden, die mit einer Leistung von etwa 20 MW voraussichtlich ebenfalls etwa 40000 MWh Strom pro Jahr erzeugen. Wenn dieser ebenfalls mit dem Faktor 2 gewichtet wird, hätten wir einen bilanziellen rechnerisch gewichteten Selbstversorgungsgrad von über 160%.  Ohne den Faktor 2 für Stromproduktion wäre der Faktor dann bei etwa 90%. Also wären wir auch ohne Zweifel dann bilanziell fast energieautark.

Saerbeck hat schon viel geschafft. Wir sollten aber nicht aufhören und als Ziel eine Mitversorgung der anderen Gemeinden setzen. Spätenstens wenn man an Münster denkt, ist eine dortige Energieautarkie wohl kaum realistisch. Ein energieautarkes Deutschland braucht also einen ländlichen Raum mit Energieüberschuss. Diesen gilt es in Saerbeck möglichst bald zu erreichen.

PS: Dieser Artikel basiert auf alten Angaben von Prof. Wetter und groben Schätzungen über die seitdem erfolgten Veränderungen. Wer genauere Zahlen hat, teile mir diese bitte mit, damit ich die Rechnung verfeinern kann.

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Über stubbesaerbeck

Lehrer, Schulgründer, Politiker, Grüner
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