Zwischen „Lernen 2.0“ und „digitaler Demenz“

Chancen und Risiken digitaler Medien in der Bildung differenziert betrachten

Mit großem Interesse habe ich mir das Buch „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer besorgt und gelesen. Da dies nicht mein erstes Buch von ihm ist, ich ihn auch schon zwei mal Live erlebt habe und einen weiteren Vortrag virtuell erlebte, habe ich über die Spitzerschen Gedanken mittlerweile einen guten Überblick. Seine Warnungen finde ich in weiten Teilen sehr überzeugend. Wer mit digitalen Werkzeugen einseitig den großen rettenden Schritt in unsere Zukunft erwartet, dem sei eine Lektüre Spitzers von meiner Seite sehr empfohlen.
Spitzer warnt seit Jahren vehement vor den schädlichen Einflüssen, die digitale Medien vor allem für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene haben. Kurz zusamengefasst (S. 325): „Sie machen, wie vielfach hier gezeigt wurde, tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Er macht auch für mich überzeugend geltend, dass die immer mal wieder zitierten Studien, die das Gegenteil aussagen oft methodisch schlecht durchgeführt oder abenteuerlich gefolgert wurden. Stattdessen zeigt er mit einer überwältigenden Fülle von Studien, dass digitale Medien oft verheerende Folgen für junge Menschen haben.

Mir selbst, der ich selbst sehr technikaffin und ein häufiger Nutzer digitaler Medien bin, gibt diese Diagnose, die mir bereits aus den anderen Quellen bei Spitzer und auch anderen bekannt ist, zu denken. Immer wieder frage ich mich, ob meine Bemühungen, Computer in der Schule zu nutzen, richtig sind. Mit viel Einsatz habe ich nicht nur ein nahezu flächendeckendes WLAN in unserer Schule eingeführt und die Anschaffung zweier Notebookwagen, sowie eines besser handhabbaren Netzverwaltungssystems unterstützt, sondern auch als Klassenlehrer die Pionierarbeit an unserer Schule geleistet, meine eigene Klasse mit persönlichen Notebooks auszustatten. Gerades letzteres ist etwas, für das ich persönliche Verantwortung übernehmen muss, weil ohne mein Zutun sicher keine Austattung mit den Geräten stattgefunden hätte – auch wenn privat wahrscheinlich trotzdem zumindest die Mehrheit der SchülerInnen rund um das siebte Schuljahr (in dem die Anschaffung durchgeführt wurde) einen Computer bekommen hätte.

Um diese Dinge zu beurteilen, muss man zwei Dinge tun: Erstens sich mit Spitzer kritisch auseinandersetzen und zweitens die Ergebnisse der Arbeit mit den Computern in der Schule auswerten. Zuerst zur Kritik an Spitzers Ausführungen: Ohne die verschiedenen Texte jetzt im Detail zu vergleichen habe ich den Eindruck, dass Spitzer im neuen Buch etwas differenzierter auf die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen eingeht. In früheren Büchern habe ich deutlicher als jetzt eine – wie ich finde unangemessene – Übertragung der (wohl korrekten) Ergebnisse bei kleinen Kindern (Kindergarten und auch Grundschule) auf Jugendliche und Erwachsene gesehen. Er macht diesen Fehler aus meiner Sicht auch im neuen Buch, aber nicht mehr so deutlich. Zuweilen differenziert er deutlich, dass die schädlichen Wirkungen stärker eintreten, je jünger die Kinder sind, die man den digitalen Medien aussetzt. Er argumentiert berufsbedingt neurobiologisch und berücksichtigt meiner Meinung nach zu wenig, dass sich mit Einsetzen der Pubertät die Gehirnentwicklung und parallel dazu auch das Denken der Jugendlichen verändert. Während ein Entwicklungsschwerpunkt in dieser Lebensphase im präfrontalen Cortex liegt, macht das planende und auch kritische Denken wahre Entwicklungssprünge. Er warnt zurecht davor, dass digitale Medien in allen Entwicklungsstufen große Gefahren bergen, doch mit zunehmendem Alter der Lernenden muss man aus meiner Sicht immer stärker die Chancen gegenüber stellen, weil ich erst in diesem Alter wirklich sinnvolle Anwendungen der digitalen Medien sehe. Vor der Pubertät schätze ich diese für vernachlässigbar ein, weshalb ich für den Vor- und Grundschulbereich und weitgehend auch für die vorpubertäre Zeit in der Sekundarstufe (etwa 5./6. Klasse) den intensiven Einsatz digitaler Medien genauso ablehne wie Spitzer.

Den zweiten Bereich, der für die Beurteilung des Einsatzes von Computern in der Schule wichtig ist, führt Spitzer praktisch nicht durch. Er wischt alle Chancen der digitalen Medien hinweg, was ich für den größten Fehler seiner Arbeit halte. Ich bin der Meinung, dass ein kritisch gebildeter Mensch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse mit seiner (wohlgemerkt kritisch reflektierten) Erfahrung überprüfen sollte. Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse den eigenen Erfahrungen widersprechen, ist nicht immer die eigene Erfahrung zu subjektiv, sondern oft die Wissenschaft fehlgeleitet, wenn nicht gar interessengesteuert (was ich weniger Spitzer, als vielfach mit ihm zusammen seinen wissenschaftlichen Kontrahenden vorwerfe). Meiner Erfahrung entspricht es, dass digitale Medien, richtig eingesetzt durchaus einen wichtigen Beitrag zur Bildung Jugendlicher leisten können. Spitzer hat recht wenn er beklagt, dass Jugendliche (besonders Jungen) die Geräte viel zu oft zum Ballern missbrauchen und ihre Entwicklung dadurch massiv schädigen. Ein wichtiger Aspekt dieser Debatte ist also die Kontrolle der schädlichen Nutzungen, vor allem in Form von Ballerspielen, aber auch durch täglich stundenlangen Umgang in Facebook und Co. Ich halte diese Kontrolle für möglich, auch wenn es im Einzelfall oft sehr mühsam für die Eltern ist. Wer diese Kontrolle nicht leisten kann, sollte tatsächlich überlegen, ob eine Verhinderung der Nutzung digitaler Medien besser ist (was aber heutzutage auch oft unrealistisch ist). In solchen Fällen ist die gesellschaftliche Realität der allzeit präsenten Computer wahrscheinlich wirklich eher ein Fluch als ein Segen.

Wenn aber ein kontrollierter Umgang mit dem Computer in der Familie gewährleistet wird, bieten digitale Medien große Chancen. Spitzers mannigfach zitierten Studien liefern nach meinem Eindruck auch keine Gegenbeweise. Er bezieht sich immer wieder darauf, dass Computer in der Mehrzahl missbraucht werden – und er hat vermutlich auch recht damit. Die Hauptgründe liegen wohl einerseits in der Hilflosigkeit und dem Zeitmangel der meisten Eltern und andererseits in der noch immer erschreckend niedrigen Kompetenz der LehrerInnen, den SchülerInnen sinnvolle Nutzungen der Geräte nahe zu legen.

Meine Erfahrungen haben – neben negativen die auch bei meinen Schülern in zu häufigem Missbrauch der Geräte liegen – oft positive Effekte gezeigt. So ist die Klasse noch nie so ruhig (und, ja: konzentriert!) bei der Arbeit gewesen, wie in vielen der Computerstunden. Überhaupt kann ich die Einschätzung von Spitzer nicht folgen, dass Filme und andere Medien nur oberflächlich konsumiert werden, während „ordentlicher“ Unterricht tiefe Auseinandersetzung bedeutet. Vielleicht hat ihn hier ein idealisiertes Bild besonders von Gymnasien geritten (ich arbeite an einer Gesamtschule). Außerdem sehe ich in recht kurzer Zeit bereits große Lerneffekte in der korrekten Benutzung der Standardsoftware. Spitzer tut dies ab, als wenn gerade dieses bei jungen Leuten quasi von selbst passiert. Ich sehe eher, dass lediglich ein Teil eine gewisse Kompetenz erlangt, aber andere auch nach Jahren schulischer Nutzung der Officesoftware sehr rudimentär damit umgehen. Ich habe deutlich den Eindruck, bei überzeugender Einführung hier bessere Ergebnisse zu erzielen, die auch eine Grundlage für zukünftige bessere Unterrichtsergebnisse sein werden. Bisher kann ich die einfache Logik bestätigen, dass ein überzeugendes Einführen zu guten Ergebnissen führt. In Zukunft hoffe ich, auch in Bildbearbeitung und auch im Bereich der Programmierung weiter einzudringen, als dies in anderen Klassen der Fall sein kann, weil die Lernprogression im IT-Bereich dort oft so gering ist. Die erhofften Inhalte ermöglichen – und ich hoffe, dass dies auch Realität wird – eine qualitativ weiter gehende Beherrschung des Computers. Ziel ist es mit meinen Worten, den Computer zu beherrschen und nicht zu bedienen.

Mein Fazit:

Wir „Lernen 2.0-Propheten“ (zu denen ich mich trotz allem noch eher zähle) sollten Spitzer und seine Warnungen ernst nehmen. Für mich heißt das konkret, dass Computer in vorschulischen Institutionen (Kindergärten) gar nichts zu suchen haben und auch in Grundschulen sehr zurückhaltend eingesetzt werden sollten. Im Laufe der Sekundarstufe beginnt beim Einsatz der Nutzen die Risiken zu übersteigen. Ob der „break-even-point“ in der fünften, siebten oder neunten Klasse liegt, vermag ich nicht zu beurteilen und hängt auch eng mit der Kompetenz von Eltern und LehrerInnen zusammen.

Spitzer und mit ihm die „Warner“ sollten sich einer kritischen Debatte öffnen, wann und auch wie die Computer nutzbringend eingesetzt werden sollten. Es wäre wichtig, dass viele der Kritiker mehr von der Materie der digitalen Medien verstehen (ein Kritikpunkt, der Spitzer selbst nicht sehr trifft) und sich mit dem sinnvollen Umgang mit Computern und all ihren Einsatzmöglichkeiten mehr üben sollten. Eine solch pauschale Warnung, wie Spitzer sie äußert ist vielleicht in der jetzigen Situation notwendig, aber auf Dauer nicht ausreichend.

Die gesamte Gesellschaft sollte die verheerenden Ergebnisse einer unkritischen Massenausstattung und unbeaufsichtigen Einführung – vor allem männlicher – Jugendlicher mit und an Computern ernster nehmen. So wie es derzeit läuft, sehe ich ebenso wie Spitzer deutlich mehr negative als positive Wirkungen von Computern auf Jugendliche. Verdummungs- und Verrohungsspiele müssen dringend besser kontrolliert und bekämpft werden und soziale Netzwerke gesellschaftlich und von mir aus auch staatlich kontrolliert werden. Am wichtigsten ist eine gesellschaftliche Debatte, ähnlich wie beim Rauchen in den Siebzigern und Achtzigern, die heute auch immer mehr Wirkung zeigt. In einer freien Gesellschaft bleibt uns nur der Weg einer mündigen Bevölkerung. Die Probleme entstehen meist in der Freizeit, so dass hier bei der Bekämpfung der negativen Folgen die Erziehungskompetenz der Eltern sehr gefragt ist. Die Gefahr einer zu oberflächlichen Betrachtung der Problematik liegt darin, dass andere Güter wie beispielsweise die Freiheit im Netz untergehen. Und das kann kaum unser Ziel sein.

Advertisements

Über stubbesaerbeck

Lehrer, Schulgründer, Politiker, Grüner
Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zwischen „Lernen 2.0“ und „digitaler Demenz“

  1. Alreech schreibt:

    Wenn es darum geht, Verdummungs- und Verrohungsspiele zu bekämpfen sollten die Schulen mit guten Beispiel voran gehen.

    Noch immer werden dort im Sportunterricht Killerspiele wie Völkerball gespielt, bei denen es darum geht Kinder abzuknallen.
    Wer öfters mal einen Ball gegen den Kopf bekommen hat, wird dadurch auch nicht umbedingt klüger.

    Spiele wie Völkerball sind zudem der Einstieg in andere Killerspiele wie Fechten oder Boxen, bei denen es darum geht andere Menschen aufzuschlitzen, abzustechen oder bewustlos zu prügeln.
    Sie widersprechen damit den Grundgesetz das zu einer Erziehung zum Frieden aufruft, und sind deswegen grundgesetz- und völkerrechtswidrig, wie der von Manfred Spitzer mit unterzeichnete Kölner Aufruf feststellt.

    Aber nicht jede neue Technik ist gleich zu verdammen. Es wäre z.B. Irrsinnn Gentestes nicht zu nutzen, um festzustellen auf welche Schule ein Kind soll.
    Siehe Manfred Spitzers Interview in der Zeit Online.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s