OER professionalisieren

Von Polen lernen …

Die polnische Regierung hat vor kurzem das „Digital School Program“ ins Leben gerufen. Mit mehr als 11 Millionen Euro wird die Erstellung eines Satzes professioneller digitaler Schulbücher initiiert. Das ganze soll unter die CC-Lizenz gestellt werden. Polen schafft also staatlich finanziert schlüssige kostenlose Inhalte für den konkreten Schuleinsatz. Näheres dazu findet sich hier oder hier.

„Die Polen führen digitale Schulbücher unter einer Creative Commons-Lizenz ein. Damit sind sie uns um Jahrzehnte voraus, weil sich bei uns die debile Politik von der Schulbuchlobby einlullen ließ. Bei uns zahlt der Steuerzahler lieber endlos Lizenzgebühren an Verlage.“ (Fefes Blog)

Polen hui, Deutschland pfui oder was?

Der Vorstoß Polens, ähnlich wie in den USA – besonders in Californien – schon länger betrieben, ist DER entscheidende Schritt, digitale Medien in den Schulen einzuführen. Derzeit beißt sich die Katz in den Schwanz: Weil so viel Geld für Schulbücher und auch Lizenzen anderen Materials ausgegeben wird, ist kein Geld für eine breite Digitalisierungsoffensive in den Schulen vorhanden. Dadurch stockt die Durchsetzung neuer digital unterstützter Lernformen, wodurch weiter auf Bücher und analoge Medien gesetzt wird. Was wir brauchen, ist ein großer Wurf: Durchgängig einsetzbare digitale Schulmedien in professioneller Qualität, ohne Benutzungsgebühr und mit freier Lizenz. Wenn wir so etwas hätten, wäre der Durchbruch der Tablets/Notebooks auch als Ersatz der herkömmlichen Bücher wohl kaum noch aufzuhalten. Das würde nicht nur den Rücken der Kinder, sondern auch die staatlichen und privaten Haushalte entlasten. Aus meiner Sicht sind die Eltern zu einem großen Teil schon sehr weit und wundern sich, warum die Schulen so langsam die Zeichen der Zeit erkennen. Als Lehrer weiß man, warum die Computer (egal ob Tablets oder Tastaturgeräte) die Schulbücher (noch) nicht ablösen: Es gibt einfach unter Schulbedingungen (also ohne ständige Gebührenpflicht) kein professionelles Material, was Bücher vollwertig ersetzen kann. Viele KollegInnen sind eifrig dabei und veröffentlichen hier Arbeitsblätter, da Wikis und dort freie Medien. Etwas den Schulbüchern vergleichbares gibt es aber schlicht auf dem OER-Markt nicht.

Hat Fefe also recht? Nein! Wir sollten diese aus meiner Sicht typisch deutsche Anti-Politik(er)-Haltung überwinden. Fordern wir doch mal was von der Politik! Statt den Verlagen die Lobbyarbeit zu überlassen und damit Erfolge in Form von Abermillionen Euros zu ermöglichen, sollten wir die Politk(er) einladen, das Potenzial von professioneller OER zu erkennen. Ich glaube, den politischen Betrieb einigermaßen zu durchschauen, aber ich sehe keinen sachlichen Grund, warum die Politik so sehr der Verlagslobby hinterherläuft. Die müssen halt aufgeweckt werden, um die Zeichen der Zeit zu verstehen. Also wecken wir sie endlich auf!

Wie sollte OER weitergehen?

In Diskussionen wird immer wieder gefragt „zentrale Institution ja oder nein“. Ich sage: Ja und nein! Natürlich braucht eine lebendige OER-Szene viele unabhängig arbeitende Personen, also Dezentralität. Es macht auch durchaus Sinn, dass diese vielen Personen ihre Angebote in ganz verschiedenen Formaten, an ganz verschiedenen Orten und auf ganz verschiedene Weise ablegt. Aber genau, wie wir neben einer quirligen und kreativen Szene große Landmarken wie Wikipedia/-media oder im Betriebssystembereich Canonical (Ubuntu-Linux) brauchen, um einen professionellen Rahmen zu schaffen, der die kreativen Fäden der vielen zusammenführt, muss auch im OER-Bereich eine solche Landmarke her. Für viele wird das die Erreichbarkeit enorm verbessern. Wer das nicht braucht oder will, kann davon ganz unabhängig arbeiten. Diese Organisation kann dann ja für ihre Klienten alles zusammensuchen und -binden. Und eben auch einen roten Faden schaffen und Lücken mit eigener Arbeit schließen. Bei einer entsprechenden Ausstattung können einige wenige professionelle Grafiker und Texter eingestellt werden, sowie Aufwandsentschädigungen für gezielte Aufträge vergeben werden.

Es ist doch jetzt schon so, dass zahllose LehrerInnen für wenig Geld Unterrichtsmaterial erstellen. Das wird dann von GrafikerInnen aufgepeppt und teuer verkauft. Aber eben unter der Fuchtel der Verlage und ohne jede Offenheit. Wie hoch muss die Bereitschaft dann erst sein, wenn es eine staatlich und / oder gesellschaftlich finanzierte Institution gäbe, die freies Material schafft! Dieses freie Material kann dann von der Community frei weiter entwickelt werden und so – nach dem Vorbild Wikipedia – zu immer höherer Qualität wachsen.

Was brauchen wir dafür?

Das deutsche Recht sieht für solche Zwecke das Werkzeug der Stiftung vor. Ein bestimmter Kapitalstock wird eingezahlt und mit einem Zweck versehen. Das ganze wird zum Stiftungskapital und von diesem Moment an führt die Organisation ein eigenes Leben. Politischen Wechseln wäre das Projekt ebenso wenig unterworfen wie Lobbyinteressen der Verlage – wenn der politische Wille einmal vorhanden wäre.

Woher kann das Geld kommen?

Zuerst muss man natürlich fragen, wieviel man braucht. Ich denke, dass ein ähnlicher Kapitalstock wie im polnischen Projekt – also 10 Mio. Euro als einmalige Einlage – schon sehr viel bringen würde. Davon ließen sich auf Dauer einige wenige Festangestellte und eine ganze Reihe Honoraraufträge finanzieren. Es reichen also Beträge im Cent-Bereich pro Einwohner. Selbst ein größeres Bundesland wie NRW oder auch BaWü, Bayern, Niedersachsen könnte das alleine stemmen. Eine gemeinsame Lösung staatlicher (aus verschiedenen Ländern) und privater Stifter könnte hier die Schwelle noch weiter senken. Ich sehe auch keine ideologischen Grenzen auf der einen oder anderen politischer Seite.

Was sollte so ein Stiftungszweck sein?

Die Stiftung sollte das verfügbare freie Material des Bildungsbereichs sortieren, teilweise optisch aufwerten und mit dieser Hilfe und ergänzender Eigenproduktion vor allem als Großprojekt einen (oder auf Dauer mehrere) Satz unterrichtlich einsetzbarer (und behördlich genehmigter!) digitaler Schulbücher für alle Fächer und alle Jahrgänge erstellen. Dabei sollte unbedingt auf plattformunabhängige Implementierung und offene Standards und Formate geachtet werden. Wenn dies nach – sagen wir mal – fünf Jahren realisiert wäre, sollte der Schwerpunkt auf Unterstützung der Schaffung lehrwerksunterstützender Medien auf Papier (Kopiervorlagen u.a.) und in Digitalform gesetzt werden. Auch eine Förderung von Projekten im Software-Bereich (Programme zur eigenen Erstellung oder Weiterentwicklung von digitalen Schulbüchern) wäre wichtig.

Also: Los gehts

Statt nutzloser Debatten zu führen, ob wir zentrale Institutionen für OER brauchen, sollten diejenigen, die sowas wollen oder brauchen (und ich bekenne mich dazu!), einfach anfangen. Diejenigen, die das nicht brauchen, müssen ja nicht mitmachen. Man muss sich dabei ja auch gar nicht streiten. Nachteile hätte so eine Institution für beide Fraktionen nicht. Aber man kann einfach mal loslegen. Wenn wir (die das wollen) uns zusammenfinden und die Politik auf der einen Seite für so ein Projekt erwärmen, auf der anderen Seite gesellschaftliche Ressourcen für ein solches Projekt frei machen, sehe ich keinen Grund, warum das nicht in überschaubarer Zeit klappen sollte.

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Über stubbesaerbeck

Lehrer, Schulgründer, Politiker, Grüner
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4 Antworten zu OER professionalisieren

  1. Anja Lorenz schreibt:

    Hallo Herrmann,

    Die Idee mit der Stiftung finde ich gut, Hast Du das gegen andere Lösungen noch geprüft? Das L3T ist unter dem BIMS e.V. entstanden, allerdings war die Entscheidung hier für diesen speziellien Fall und unter bestimmten personellen Voraussetzungen gefallen, die sich nicht verallgemeinern lassen.

    Ab etwa nächstem Jahr könnte ich mich für sowas auch begeistern, bis dahin bin ich aber gern Multiplikator. Ich werde, so denn dieses Thema auch hier Anklang findet (und das wird es sicher), es auch gern mit zu L3T’s Work nehmen (http://l3t.eu/zukunft/?page_id=6).

    Grüße aus Chemnitz
    Anja

  2. Pingback: OER-Zwischenbericht | Grundschulnews

  3. Pingback: #Opco12 Tablet Computing – ein paar untechnologisch persönliche Gedanken | Bildungscafe Blog

  4. Pingback: Der Weg zum Schulbuch 2.0 « Hermann Stubbe

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