OERcamp – Deutschland braucht wohl noch eine Weile

Vom 14.-16.9. fand in Bremen das erste deutsche OERCamp statt. Ich war dabei und mein Fazit ist gemischt. Zunächst das gute: Etwa 60 engagierte Personen aus allen möglichen Bereichen – LehrerInnen, WissenschaftlerInnen, SozialpädagogInnen, sogar SchülerInnen usw. – haben sich ausschließlich zu diesem Thema getroffen und 3 Tage intensiv ausgetauscht. Das kann ein großartiger Anfang werden. Gerade jetzt schwappt eine Welle und es wird deutlich, dass Deutschland auch in diesem (v.a.) Netzthema mal wieder hinterher hinkt. Die UNESCO feiert 10 Jahre OER-Bewegung. Die EU wird in diesem Thema immer aktiver und etliche Mitgliedsstaaten sind auf dem OER-Weg schon sehr aktiv, wie wir von Alastair Clark aus GB persönlich gehört oder von anderen Ländern wie Polen aus der Presse oder zahlreichen afrikanischen Staaten aus Berichten erfahren. Selbst die KMK nimmt sich dieses Themas nun an und der NRW-Koalitionsvertrag spricht von Modellprojekten. Es passiert gerade also eine Menge. Gleichwohl kennen wahrscheinlich nicht einmal 10% der deutschen Lehrer überhaupt den Begriff OER in irgendeiner Übersetzung oder die Lizensierung CC. Die Anwesenden in Bremen wollten diesen Rückstand angehen. Sogar mehrere teils namhafte Vertreter der Verlage haben sich die Szene angesehen und so ihre Bedeutung dokumentiert.
Glücklicherweise wurde nicht allzu viel über die Frage diskutiert, ob wir bessere Strukturen brauchen: man war sich scheinbar weitgehend darüber einig, dass wir solche Strukturen – einheitlichere Standards, Anlaufstellen im Netz, Modellprojekte – brauchen. Das ist erstmal alles gut so. Die Szene wird hoffentlich weiter zueinander finden und weiter wachsen.

Auf der anderen Seite muss aber auch gesagt werden, dass nicht allzuviel konkretes herausgekommen ist. In zahlreichen Sessions wurde diskutiert, aber ich habe nicht den Eindruck, dass der große Durchbruch bereits stattgefunden hat. Das hat sicherlich viele Gründe, die mit den besonderen Problemen und vor allem Traditionen in Deutschland zu tun haben. Dieselben Gründe, weshalb wir in dieser Frage in Deutschland noch so sehr am Anfang stehen. Zwei Probleme sehe ich aber auch bei den TeilnehmerInnen und dem Ablauf des OERCamps selbst.

1. Ich hatte den Eindruck, dass sehr viele TeilnehmerInnen des BarCamps noch etwas orientierungslos sind oder waren. Sehr interessierte und engagierte Leute, die das Thema der freien Bildungsmedien gerne voranbringen wollen, aber auch noch nicht so recht wissen wie. Das zeigte sich daran, dass die meisten Sessions recht unkonkret blieben und eher Grundlagen schaffen wollten. Noch deutlicher wurde das für mich dadurch, dass ich den Eindruck hatte, dass die Mehrheit der TeilnehmerInnen nicht weit von der zentralen Plaza des OERCamps wegkam und die Sessions “oben links” und “oben rechts” regelmäßig den Großteil der Teilnehmenden anlockten. Das wurde noch durch den zweiten Punkt verstärkt.

2. Die Vertreter der Verlage haben einen viel zu großen Raum eingenommen und die Stimmung im OERCamp zu stark bestimmt. Ich finde es gut, dass die sich dort blicken lassen haben und dass so gegenseitiges Verständnis wachsen kann. Ich hatte aber – und dieser Eindruck verstärkt sich noch, je mehr ich darüber nachdenke – deutlich den Eindruck, dass die ein sehr klares Ziel vor Augen  hatten und die naiven Gesprächsbereiten vor allem gespielt haben. Sehr deutlich wurde dies für mich dadurch, dass die pragmatische Offenheit immer wieder verbal betont wurde und die Auseinandersetzung zwischen dem Geschäftsmodell der deutschen Verlage und dem Prinzip OER als “sportlich” bezeichnet wurde. Mir wurde das einfach ein paar mal zu häufig so betont. Es geht hier um 360 Millionen Euro (Schulbuchetat der deutschen allgemeinbildenden Schulen) und in Folge um tausende Arbeitsplätze und ganz nebenbei um Millionengewinne. Natürlich stellt die Web 2.0-Entwicklung deren Geschäftsmodell und damit deren Existenz in Frage. Da geht man nicht “sportlich” miteinander um, sondern man verteidigt seine Interessen. Und dass ich die angeblich “sportliche Auseinandersetzung” zwischen freier OER-Szene und geschlossenen Verlagsmodellen schon von ganz anderen Leuten aus derselben Szene auf der Didacta gehört habe, spricht auch eher für eine abgesprochene PR-Strategie. Wir sollten uns – ohne den Gesprächsfaden zu verlieren – doch ein wenig von den Verlagen abgrenzen und unser Ding machen, anstatt uns auf unseren Camps von den Verlagen zu stark von unserem Thema ablenken zu lassen. Als TeilnehmerInnen von gezielten Anwerbeversuchen auf dem OERCamp für potenzielle Autoren der Verlage berichteten, war meine Lust vollends verschwunden, ständig die meisten Besucher des OERCamps auf den Gesprächskreisen mit Verlagsdominanz zu sehen. Tut mir Leid, nach diesen Erfahrungen kann ich auf die Verlagsvertreter auf dem nächsten Camp gerne verzichten.

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Über stubbesaerbeck

Lehrer, Schulgründer, Politiker, Grüner
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3 Antworten zu OERcamp – Deutschland braucht wohl noch eine Weile

  1. Markus Deimann schreibt:

    Ich denke, damit ist das derzeitige Problem schon sehr gut umrissen und eingegrenzt worden. Der erste Punkt berührt einen quasi systembedingten Aspekt – BarCamps als offene, unstrukturierte Plattform – während der zweite sehr viel substantieller ist.

    Es ist deshalb wichtig, dass ein “Ruck” durch die deutsche OER-Szene geht, d.h. konkrete Maßnahmen abstimmen und dann auch durchführen auf verschiedenen Ebenen, für den pädagogischen Bereich z.B. in Schulen und Hochschulen. Hier könnte man sich konkrete Ziele setzen, z.B. einen OER-Vertantwortlichen oder eine OER-Gruppe lokal (jede Hochschule) oder regional zu verankern. Diese Gruppe könnte dann auch geschlossener auftreten gegenüber Verlagen.

    Was fehlt sind Mindeststandards im OER-Bereich, auf die man sich einigt. Sonst bleibt es weiterhin so diffus wie auf dem OER-BarCamp.

  2. Pingback: OERcamp – Deutschland braucht wohl noch eine Weile | weiterbildungsblog

  3. Anja Lorenz schreibt:

    Deutschland ist noch zu sehr in “das lief immer so” gefangen. Hast Du die Antwort der sächsischen Kultusministerin auf meine Anfrage gelesen: http://www.dialog.sachsen.de/SID-F02105F5-21B7FF1F/dialogplattform/styles/hs/-/antworten/Bildungsministerin-Kurth-ueber-freie-Unterrichtsmaterialien.html ? Hier wird scheinbar logisch wegargumentiert, dass frei zugängige Materialien alles abdecken und zudem qualitativ nicht die Verlagsprodukte ersetzen können. Beim ersten würde ich es auf einen Versuch ankommen lassen (ach, und die Lehrbücher decken ja auch nicht alles ab) und letzteres muss durch #OER nicht ausgeschlossen werden. Leider ist das “DIalog”-Format nach einem Wortwechsel schon beendet, denn ich denke nicht, dass sie eine Vorstellung davon hat, was ich meine.

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